Medizinprodukteindustrie

MedInform-Veranstaltung „Wachstum im Medizinproduktemarkt“: Medizintechnologiebranche wird für Kapitalgeber und Beteiligungsgesellschaften immer interessanter

30.04.2003 - 32/03

München/Berlin. Die Medizintechnologiebranche wird zunehmend interessanter für Kapitalgeber oder Beteiligungsgesellschaften. Die deutsche Medizinprodukteindustrie ist dabei sehr gut positioniert, um an dem global stark wachsenden Medizintechnologiemarkt teilzuhaben. Kapitalstärke ist für die Entwicklung und notwendige Internationalisierung der Unternehmen ein essentieller Erfolgsfaktor, so die Referenten der MedInform*-Veranstaltung „Wachstum im Medizinproduktemarkt“ am 29. April 2003 in München. Die Konferenz informierte über den Markt für Wachstumsfinanzierungen für kleinere und mittlere Unternehmen sowie Neugründungen in der Medizintechnologiebranche. Sie fand mit Unterstützung der 3i Gesellschaft für Industriebeteiligungen und der HypoVereinsbank statt.


Die Gesundheitswirtschaft wird ein globaler Wachstumsmarkt bleiben.  Trends wie Disease-Management-Programme, kurze Verweildauern bei optimaler Gesundheitsversorgung, Prozessoptimierung und  gestärkte Patientenverantwortung sprechen für gute Zukunftsaussichten für die Unternehmen der Medizintechnologie. „Was dem Patienten hilft, wird erfolgreich sein“, so die Botschaft des Kapitalgeber-Beraters Thom Rasche.


BVMed-Geschäftsführer Joachim M. Schmitt führte in die Bedeutung der Medizintechnologien in der deutschen Gesundheitswirtschaft ein. Die Gesundheitsausgaben - 2001 waren es 226 Mrd. Euro - sind in den letzten Jahren stabil mit dem Wirtschaftswachstum angestiegen. Der Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt (BIP) beträgt rund 11 Prozent. Politisch brisant sind die Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), die mit 129 Mrd. Euro knapp 60 Prozent der Gesundheitsausgaben und rund 6,2 Prozent des BIP ausmachen. Der Anteil der Medizintechnologien an den GKV-Ausgaben beträgt 9,3 Prozent bzw. 12 Mrd. Euro. Die demografische Entwicklung, der medizintechnische Fortschritt und die Veränderung des Gesundheitsbegriffs in Richtung „mehr Wohlbefinden“ werden dafür sorgen, dass die Gesundheitswirtschaft auch in Zukunft ein „Wachstumsmarkt“ bleiben wird.  Das gemeinsame Ziel ist „besser, gesünder, länger leben“. Schmitt: „Wir brauchen eine neue Gesundheitswirtschaft mit wettbewerblichen Elementen, besseren Rahmenbedingungen und Planungssicherheit. Die Gesundheitswirtschaft ist ein Wachstumsmarkt. Die Medizinprodukteindustrie kann der Katalysator sein.“

Prof. Dr. med. Jürgen Stettin, Lehrstuhlinhaber für Medizintechnik an der Fachhochschule Hamburg, zeigte Trends in der Medizintechnologie auf. Dabei gehe es nicht so sehr um die nur noch wenigen Technologie-fokussierten Trends, sondern vielmehr um den optimierten Service, die Prozess- bzw. Workflowoptimierung für den Anwender. Kurze Verweildauer bei optimaler Gesundheitsversorgung stehe im Mittelpunkt. Trends beim Ersatz alter Technologien seien: digital ersetzt analog; Elektronik ersetzt Mechanik; Software ersetzt Elektronik/Mechanik; Web-basierte Systeme ersetzen normale Schnittstellen.

Telemedizin werde kommen, sei aber derzeit noch in der Forschung. Damit könne man derzeit kein Geld verdienen. Künftig würde die telemedizinische Entwicklung aber in Produkte münden, z. B. Home-Monitoring oder Teleradiologie. Die Basis für telemedizinische Anwendungen fehle noch. Der Schlüssel könne die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte bis 2006 sein. Technologiebezogene Bereiche in der Medizintechnologie, die Zukunft haben, sind aus Sicht von Prof. Stettin die Mikrosystemtechnik/Micromachines (minimal-invasive Methoden, z. B. Kapselendoskop oder steuerbare Katheter) sowie die Robotic bzw. Navigations- und Hilfssysteme für chirurgische Instrumente oder in der Pflege. Wichtig sei es, als Neugründung oder kleineres Unternehmen die Aspekte Zulassung, Qualitätsmanagement (QM) und Dokumentation nicht zu vernachlässigen.

Nach Ansicht von Thom Rasche, Geschäftsführer MEDEXPERT in Hamburg, sei die deutsche Medizinprodukteindustrie sehr gut positioniert, um an dem global stark wachsenden Medizinproduktemarkt teilzuhaben. Kapitalstärke sei dabei ein essentieller Erfolgsfaktor. Venture- Kapitalgeber und auch Beteiligungsgesellschaften seien offener denn je für die Medizintechnologiebranche. Schätzungen gehen von einem globalen Wachstum des Medizinproduktemarktes zwischen 12 und 14 Prozent in den nächsten 5 Jahren aus. Nach den negativen Erfahrungen im Internetbereich erfreue sich der Medizinproduktemarkt eines hohen Interesses der Venture-Kapitalgeber. Rund 9 Prozent des gesamten US-amerikanischen Venture-Kapitals fließe in die Medizintechnologie, so Rasche. In Deutschland sei diese Finanzierungsform allerdings nicht sehr bekannt, obwohl es ein führendes Land für Entwicklungen innovativer Medizintechnologien ist. Rasche: „Die gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen in Deutschland erlauben jedoch kein Wachstum, das dem Weltmarkt entspricht. Daher muss die deutsche Medizinprodukteindustrie internationalisieren, um an dem Marktwachstum teilhaben und wettbewerbsfähig bleiben zu können.“ Die „meist forcierten Forschungsgebiete“ der Medizinprodukteindustrie sind aus Rasches Sicht: Orthopädie (v. a. Wirbelsäulenchirurgie und Biomaterialien), Kardiologie (v. a. Beschichtungsverfahren von Medizinprodukten und minimal-invasive Verfahren) oder Innere Medizin (v. a. Endoskopie, Diabetes).

Dr. Daniel Meuthen, Investment Manager der 3i Gesellschaft für Industriebeteiligungen mbH in München, stellte Finanzierungsformen über Eigenkapital (Venture Capital) und Fremdkapital (Strukturierte Finanzierung) vor. Die Möglichkeiten gehen dabei von der Start-up-Finanzierung über die Wachstumsfinanzierung bis hin zum „Management Buy-out“ (Unternehmensnachfolge). Als Beispiel von 3i-Finanzierungsprojekten in Deutschland nannte Dr. Meuthen u. a. Human Optics (Kunstlinsen aus Silikon zur Behandlung des Grauen Stars, Kurzsichtigkeit, Weitsichtigkeit und Hornhautverkrümmungen) sowie Teraklin (Künstlicher Organersatz v. a. auf dem Gebiet der Leberunterstützungstherapie). Nach dem Erstkontakt könne eine Transaktion idealer Weise in 3 bis 6 Monaten durchgeführt werden. Im Vergleich zur Innenfinanzierung sei die Hereinnahme von Wachstumskapital für die Altgesellschafter wirtschaftlich sinnvoller. Wirtschaftlich ist die Aufnahme und Vergabe von Wachstumskapital aber nur dann sinnvoll, wenn beide Parteien - Altgesellschafter und Beteiligungsgeber - einen nachvollziehbaren Wertzuwachs erfahren.

Strukturierte Finanzierungsformen für Medizintechnologie-Unternehmen stellten Dr. Tim P. Jungblut, Senior Scientific Manager, Team Biotech/Life Science und Dr. Frank Henes, Leiter Unternehmensanalyse- und Finanzierung, von der HypoVereinsbank (HVB) vor. Unerlässlich sei dabei ein besonderes Branchen-Know-how, das bei der HVB-Gruppe in dem zentralen Branchenteam „Biotech/Life Science“ liegt. Das Team betreut auch Unternehmen der Medizintechnologie. Dabei sind gerade solche Unternehmen interessant, die sich bereits in einer Expansions- oder Reifephase befinden. Die Finanzierung von dynamisch wachsenden Medizintechnologie-Unternehmen (Produkteinführung, Markterschließung, bzw. Akquisition) kann über Eigenkapital, Fremdkapital sowie dazwischenliegende Finanzierungsformen (Mezzaninedarlehen) realisiert werden. Die HVB sieht sich, von Ausnahmen abgesehen, in erster Linie in der Rolle des Fremd- und Mezzanine-Kapitalgebers. Eine strukturierte Finanzierung setzt dabei ein ganzheitliches Verständnis des Geschäftsmodells des Kunden voraus. „Die Finanzierung solcher Projekte muss dabei zukunftsorientiert und flexibel entlang der erwarteten Cash-flow-Ströme des Unternehmens strukturiert werden.“ Die Vorteile einer ausgewogenen Finanzierung liegen für den Unternehmer in der Sicherung des Kapitalbedarfs mit hoher Flexibilität, der Anpassung der Rückzahlungen an den erwarteten Cash-flow sowie der transparenten Finanzierungskosten in Abhängigkeit von der Unternehmensentwicklung.

Am Ende der MedInform-Veranstaltung standen zwei Beispiele von medizintechnologischen Innovationen, die durch Neugründungen vorangetrieben und etabliert wurden.

Dr. Mathias Lang, heute Geschäftsführer von vasopharm BIOTECH, stellte die Geschichte der Firma Biosense vor, die 1994 gegründet und 1997 für 438 Mio. US $ an Johnson & Johnson verkauft wurde. Biosense entwickelte ein neues System in der Elektrophysiologie, das mit Hilfe elektromagnetischer Felder eine dreidimensionale Analysemöglichkeit bei Vorhofflimmern ermöglicht. Es löst damit das herkömmliche, aufwendigere Röntgenverfahren mit fünf Kathetern ab. Wichtig sei bei der Marktetablierung eine „lange Trainingsphase“ gewesen. „Der einzige Weg, Akzeptanz zu gewinnen, war, wenige Meinungsführer herauszusuchen, die das Produkt validieren und mit der Firma weiterentwickeln“, so Dr. Lang. Wichtig sei es gewesen, junge Ärzte und Wissenschaftler zu finden, die bereit waren, ihre Karriere an die Entwicklung der Technologie zu koppeln. Die enge Zusammenarbeit von Industrie und Anwender in der Klinik sei unerlässlich. Langs Fazit: „Die wichtigsten Aspekte bei der Marktetablierung der neuen Technologie waren die klinische Unterstützung, Training und Marketing über wenige Meinungsführer.“

Otto Wahl, Managing Director und Vice President, Diabetes Diagnostics bei Johnson & Johnson, stellte die Entwicklung der elektrochemischen Blutzuckermessung (Messung am Unterarm statt an der Fingerkuppe) zur Blutzucker-Selbstkontrolle von Diabetikern vor. Das neue Produkt, das Anfang der 90er Jahre entwickelt wurde, sei patienten- bzw. benutzerfreundlich und habe deshalb die Chance geboten, direkt mit den Patienten in einem großen Wachstumsmarkt zu kommunizieren. 1994 wurde die Firma Selfcare gegründet, die das Produkt entwickelte. 1995 erfolgte die Umbenennung in Inverness  R&D, die einher ging mit dem Aufbau des Unternehmens in Schottland, wo mittlerweile fast 1.300 Mitarbeiter angestellt sind. 2001 übernahm das Unternehmen eine Technologie für eine blutlose Blutzuckermessung, bevor es Ende 2001 durch Johnson & Johnson/LifeScan für 1,3 Milliarden US $ aufgekauft wurde. Wahls Fazit: „Produkte, die dem Patienten nutzen und die Möglichkeit bieten, direkt mit dem Patienten zu kommunizieren, haben große Wachstumschancen.“

Digital Bilder zur Veranstaltung können unter www.bvmed.de (Bilder – Veranstaltungen) abgerufen werden.

*MedInform ist der Informations- und Seminar-Service Medizintechnologie des BVMed


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