Innovationen

Viertes BVMed-Presseseminar am 13. November 2003 in Berlin: Moderates Wachstum der Medizintechnologiebranche um 3 Prozent / BVMed: „Innovationen als Chance begreifen, nicht als Kostenfaktor“

13.11.2003 - 76/03

Berlin. Einen Mentalitätswechsel bei der Beurteilung von Innovationen der Medizintechnologie hat der BVMed auf seinem Presseseminar „Fallpauschalen im Gesundheitssystem: Schnellere Heilung und kürzere Liegezeiten durch innovative Medizintechnologien“ in Berlin eingefordert. „Innovationen müssen als Chance begriffen werden, als Investition in die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit der Menschen. Nicht als reiner Kostenfaktor. Die Nutzen-Wirksamkeit – und damit auch die Einsparpotentiale – müssen deutlicher in den Vordergrund gestellt werden“, sagten die BVMed-Vorstandsvorsitzende Cornelia Gröhl (Johnson & Johnson) und BVMed-Geschäftsführer Joachim M. Schmitt.


Der Appell zum Umdenken richtet sich nicht nur an die Politik, sondern vor allem an die Krankenkassen. Der BVMed lobte dabei die jüngsten Initiativen der Techniker Krankenkasse (Modellversuch zum medikament-freisetzenden Stent) sowie des BKK-Bundesverbandes und der DKV (gemeinsamer Kongress zu Innovationen), die in die richtige Richtung gehen.

Zur Diskussion um die Gesundheitsreform forderte der Bundesverband Medizintechnologie eine neue Gesundheitswirtschaft mit wettbewerblichen Elementen, mehr Planungssicherheit für die Unternehmen und innovationsfreundlicherem Klima, um die Chancen des Wachstumsmarktes Gesundheit zu nutzen.

Dem dynamischen Wandel der medizinischen Möglichkeiten und Dienstleistungen müsse nun auch ein dynamischer Wandel des Gesundheitssystems folgen. Dazu gehörten u. a. die Abkehr vom lohngebundenen Beitragssystem und die Einführung von mehr Wahlfreiheiten und mehr Eigenverantwortung der Versicherten. Außerdem müssten die Rahmenbedingungen für Forschung und Entwicklung verbessert werden. „Wir brauchen vor allem mehr Versorgungsforschung“, so der BVMed. „Wir benötigen insgesamt ein innovationsfreundlicheres Klima, damit neue Behandlungsmethoden und Verfahren der Medizintechnologie schneller beim Patienten ankommen, wo sie Leben retten, Gesundheit erhalten und Lebensqualität verbessern.“

Zur wirtschaftlichen Lage der Branche
 
Das Marktwachstum von Medizintechnologien in Deutschland beziffert der BVMed im laufenden Jahr mit rund 3 Prozent.  Das ist deutlich weniger als das durchschnittliche Wachstum des Weltmarktes, der nach Schätzung des US-Verbandes AdvaMed 7 Prozent beträgt. Dies entspricht auch dem Marktwachstum in den USA. Die moderatere Entwicklung in Deutschland sei auf die restriktive Budgetierungspolitik und den gestiegenen Druck auf die Preise durch die anhaltende Finanzkrise der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zurückzuführen.

Der BVMed betonte, dass die Medizinprodukteindustrie ein bedeutender Wirtschafts- und Arbeitsmarktfaktor ist. Die Hersteller von Medizinprodukten beschäftigen in Deutschland über 100.000 Menschen. Der Inlandsmarkt für Medizinprodukte betrug 2002 laut BVMed-Schätzungen, die auf Daten des Statistischen Bundesamtes beruhen, insgesamt 24 Mrd. Euro.

Davon entfallen 12 Mrd. Euro auf den ambulanten Bereich (Hilfsmittel, sonstiger medizinischer Bedarf), 7 Mrd. Euro auf den stationären Bereich (Sachkosten im Krankenhausbereich) sowie 5 Mrd. Euro auf den Zahnersatz. Der Weltmarkt für Medizintechnologien betrug 2001 rund 170 Mrd. Euro. Deutschland ist nach den USA und Japan der drittgrößte Markt der Welt im Bereich der Medizinprodukte.

Situation der über 200 BVMed-Mitgliedsunternehmen

Zur Situation der über 200 BVMed-Mitgliedsunternehmen aus Industrie und Handel teilt der Verband mit, dass sowohl die Umsatz- als auch die Gewinnsituation in diesem Jahr stagniert. Die Umsatzsteigerung der BVMed-Mitgliedsunternehmen im ersten Halbjahr 2003 betrug rund 3 Prozent. Im ersten Halbjahr 2002 hatte das Wachstum noch bei rund 5,5 Prozent gelegen. Positiv ist anzumerken, dass das zweite Quartal 2003 gegenüber den ersten drei Monaten eine leichte Verbesserung zeigte. Das Plus von rund 3 Prozent beruht überwiegend auf Mengensteigerungen. Die Gewinnsituation der Unternehmen bleibt dagegen angespannt.

Zwar steigen die Fallzahlen aufgrund der demographischen Entwicklung und der neuen medizinischen Möglichkeiten. Dagegen sinkt der Preis, vor allem durch die Budgetrestriktionen und die Bündelung von Einkaufsmacht auf der Klinikseite. Außerdem steigen die Kosten durch höhere Vertriebsausgaben, ausgeschöpfte Effizienzsteigerungspotentiale, steigende Rohstoffpreise und steigende Ausgaben für Forschung und Entwicklung.

„Die Deckungsbeitragsrechnungen der Unternehmen werden damit zunehmend schwieriger. In solchen Abschwungphasen stehen Unternehmenszusammenschlüsse auf der Tagesordnung. Und diese Konzentrationsprozesse finden zur Zeit auch in der Medizinprodukteindustrie statt und sind noch nicht abgeschlossen“, so der BVMed in seiner Analyse.

Rahmenbedingungen müssen verbessert werden

Trotz der derzeit angespannten Situation wird der Medizinproduktemarkt ein globaler Wachstumsmarkt bleiben. Neue Verfahren der Medizintechnologie spielen dabei eine wesentliche Rolle. Sie führen zudem zu besseren Behandlungsergebnissen, kürzeren Liegezeiten, geringeren Behindertenraten und weniger Fehlzeiten. „Aber die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen müssen stimmen, damit wir auch künftig noch in Forschung und Entwicklung investieren und neue Verfahren und Produkte für die Patienten entwickeln können“, fordert der BVMed.

Die anstehende Gesundheitsreform muss aus BVMed-Sicht den Patienten in den Mittelpunkt stellen. „Stärkere Beteiligungsrechte sind dabei nur ein Aspekt. Den Patienten in den Mittelpunkt stellen heißt vor allem, Anreize für die optimale Behandlung zu schaffen. Behandlungserfolge, schnellere Heilungs- bzw. Genesungszeiten müssen belohnt werden, nicht langanhaltende, aber suboptimale Krankenbehandlung. Dafür benötigen wir entsprechende Qualitätskriterien, Leitlinien und Gesundheitsziele.“

Das Fazit der BVMed-Vorstandsvorsitzenden Cornelia Gröhl: „Wir brauchen einen Umdenkungsprozess – insbesondere bei Politik und Kassen! Anstatt Strukturerhaltung und traditionellem Beharrungsvermögen müssen wir die Frage in den Mittelpunkt stellen: Was dient dem Patienten? Wir müssen Ausgaben für innovative Medizintechnologien als Investition ansehen, nicht als Kostenfaktor. Als Investition deshalb, weil sie helfen, Patienten besser zu behandeln, schneller zu heilen und damit Folgekosten zu vermeiden. Deshalb müssen Innovationen künftig schneller den Patienten zur Verfügung gestellt werden.“

Link zur Rede von Frau Gröhl

 

Delta-Finanzierung für Innovationen der Medizintechnologie

BVMed-Geschäftsführer Joachim M. Schmitt schlug im Rahmen des Presseseminars ein neues Finanzierungsmodell zur schnelleren Einführung von medizintechnischen Innovationen vor, die so genannte „Delta-Finanzierung“. Dabei gehe es um eine Möglichkeit, dem Patienten solche Innovationen nicht vorzuenthalten, die noch nicht in den Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) übernommen worden sind. Das Delta-Finanzierungsmodell sieht vor, dass die GKV die Vergütung des Basisnutzens eines anerkannten Produkts oder Verfahrens auch bei der Anwendung einer Innovation über Kostenerstattung übernimmt. Die Kosten des Mehrnutzens – also des Deltas – werden durch Eigenleistung des Patienten gezahlt.

Die Vorteile dieses Modells liegen laut BVMed auf der Hand: Innovationen würden nicht gehemmt und eine schnellere und bessere Evaluierung ermöglicht. Jeder Patient hat freien Zugang zu Innovationen, wenn er es wünscht.

Drei Fallbeispiele für einen Paradigmenwechsel in der Gesundheitsökonomie

Im Rahmen seines Presseseminars präsentierte der BVMed drei Fallbeispiele zum Thema „Schnellere Heilung und kürzere Liegezeiten durch innovative Medizintechnologien“. Neue Behandlungsmethoden der Medizintechnologiebranche und neue Therapieansätze verkürzen die Genesungszeiten der Patienten und ermöglichen es ihnen daher, schneller wieder am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und an den Arbeitsplatz zurückzukehren. Dies stellt auch einen Gewinn für die Volkswirtschaft insgesamt dar. Innovative Medizintechnologien begründen damit einen Paradigmenwechsel in der Gesundheitsökonomie: Einsparungen trotz Qualitätsverbesserung - durch bessere Behandlungsmöglichkeiten, kürzere Liegezeiten, geringere Behindertenraten und weniger Fehlzeiten. Die drei Fallbeispiele:

Fallbeispiel Kardiologie

Eine neue und wirkungsvolle Therapie zur Behandlung der Herzinsuffizienz ist die Kardiale Resynchronisations-Therapie (kurz CRT). Bei dieser Therapieform wird ein kleiner 3-Kammer-Schrittmacher im Brustbereich unter der Haut implantiert. Über drei feine Elektroden, die in jeweils einer Herzkammer verankert sind, werden winzige elektrische Impulse gesendet, die das Herz stimulieren. Auf diese Weise wird das Zusammenspiel der Kammern wieder hergestellt, also „resynchronisiert“. Die Patienten fühlen sich nach der Implantation des Systems deutlich besser und sind wieder belastbarer. Neben den Systemen, die für die Wiederherstellung einer koordinierten Herzbewegung sorgen, gibt es eine zweite, aufwändigere Gerätefamilie, die zusätzlich einen implantierbaren Defibrillator enthält. Dies ist sinnvoll, wenn ein Patient nicht nur unter unkoordiniertem Zusammenspiel der Kammern, sondern auch unter zu schnellem Herzschlag leidet. Durch die Kombination der beiden Therapieprinzipien können sehr viele Herzinsuffizienz-Patienten vor dem plötzlichen Herztod bewahrt werden.

Vorteile: Die Resynchronisation führt im Unterschied zur medikamentösen Behandlung zu einer verringerten Häufigkeit der Krankenhausaufnahme und kommt so nicht nur dem Einzelnen, sondern dem ganzen Gesundheitssystem und damit der Gesellschaft zugute. Eine im September vorgelegte Studie zeigte auf, dass CRT eine wirtschaftlich bedeutsame Behandlungsstrategie mit erheblichen Kosteneinsparungen darstellt. Die Ergebnisse zeigen z. B., dass sich die durchschnittlichen Einsparungen in Deutschland gegenüber der herkömmlichen medikamentösen Therapie im ersten Jahr der Behandlung auf 3.000 Euro pro Patient belaufen. Abgesehen vom positiven wirtschaftlichen Ergebnis profitieren die Patienten, die sich dieser Behandlung unterziehen, von einer Verbesserung der Lebensqualtität.

Download des Fallbeispiels im PDF-Format

 

Fallbeispiel Bewegungsapparat

Zur Behandlung von eingebrochenen Rückenwirbelkörpern gibt es eine neue und effektive Behandlungsmethode der Medizintechnologie. Die so genannte Ballon-Kyphoplastie ist ein minimal-invasives Verfahren zur Behandlung solcher schmerzhaften osteoporotischen Wirbelkörperkompressionsfrakturen. Dabei wird über eine Kanüle der Ballon im gebrochenen Wirbelkörper platziert und anschließend mit Kontrastmittel gefüllt. Nachdem der Wirbelkörper durch den Ballon aufgerichtet wurde, wird er mit Spezialzement stabilisiert.

Vorteile: Das neue Verfahren hilft den Patienten schnell und schonend und sorgt für wesentlich kürzere Liegezeiten im Krankenhaus – und damit auch für Kosteneinsparungen im Gesundheitssystem. Der Krankenhausaufenthalt wird im Durchschnitt auf ein bis drei Tage reduziert. Der Krankenhausaufenthalt der herkömmlichen Behandlungsmethode betrug im Durchschnitt 17,4 Tage, ohne jedoch dabei ein zufriedenstellendes Behandlungsergebnis zu erreichen.

Download des Fallbeispiels im PDF-Format

 

Fallbeispiel Auge

Die Katarakt-Operation bei Grauem Star ist mit mehr als 500.000 Eingriffen im Jahr die häufigste Operation in Deutschland. Intraokularlinsen (IOL) ersetzen die natürliche Linse des Auges, wenn diese in Folge eines Katarakts eingetrübt ist. Intraokularlinsen haben seit ihrer Einführung eine rasante Entwicklung genommen und haben zu wesentlichen Fortschritten in der Kataraktchirurgie geführt. Insbesondere die Einführung faltbarer Intraokularlinsen ermöglichte eine Operation mit Kleinstschnitttechniken. Neue IOL-Generationen verringern die Nachstarrate, die noch Anfang der 90er Jahre zwischen 30 und 50 % lag, auf unter 5 %. Allein durch den Einsatz dieser modernen Faltlinsen können jährlich Folgekosten in achtstelliger Höhe eingespart werden.

Vorteile: Die Investition in moderne und innovative Intraokularlinsen zahlen sich heute schon nach kurzer Zeit aus. Die Reduzierung von Folgekosten entlastet das Gesundheitssystem nachhaltig. Der Einsatz moderner Linsen ist damit nicht nur unter medizinischen, sondern auch unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten sinnvoll.

Download des Fallbeispiels im PDF-Format

Wünschen Sie mehr Informationen oder Bildmaterial zum Presseseminar? Schreiben Sie an beeres@bvmed.de


 


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