Innovationen

BVMed-Konferenz zum Transfer von Forschung in die Praxis: „Patientennutzen muss im Fokus der medizintechnischen Innovationen stehen“ - Krankenkassen frühzeitig einbinden

11.05.2007 - 41/07

Berlin. Für die schnellere Einführung von medizintechnischen Innovationen im Gesundheitssystem braucht es eine verbesserte Kooperation und eine konzertierte Vorgehensweise aller beteiligten Partner: Hersteller, Klinik, Krankenkassen und Politik. Das war das Fazit der BVMed-Konferenz „Innovationen kreieren - Ideen schaffen, Kostenträger involvieren, Märkte realisieren“ mit rund 70 Teilnehmern am 10. Mai 2007 in Berlin. Die vierte BVMed-Konferenz zum Themenkomplex „von der Forschung in die Praxis“ vereinigte Experten von Industrie, Forschung, Kapitalgebern und Krankenkassen. Alle Beteiligten waren sich einig: Bei der Entwicklung von Innovationen muss der Patientennutzen im Fokus stehen. Zu einer erfolgreichen Innovationseinführung gehört die Durchführung klinischer Studien und die frühzeitige Einbindung der Krankenkassen. „Die Vermarktung beginnt nicht erst mit der CE-Kennzeichnung“, so Dr. Michael Kühler von B. Braun Melsungen.

Die Botschaft von Thom Rasche vom Venture-Kapitalgeber Earlybird an die Erfinder und Gründer lautete: „Trau Dich!“ Es gebe nicht nur viele Ideen, sondern auch viele Instrumente der Unterstützung auf dem Weg zum fertigen Produkt und der Erstattung. Alfred Schillert von PROvendis machte auf die besondere Bedeutung des Patentschutzes aufmerksam. Der Schutz der Erfindung erhöhe die Erfolgswahrscheinlichkeit von Innovationen im Markt.

Vertreter von den Ersatzkassen und dem Medizinischen Dienst der Kassen (MDS) stellten die Instrumente der Innovationsbegleitung durch die Krankenkassen vor. Dadurch sollen Prozesse beschleunigt werden, so Dr. Heinz Nagel vom MDS. Sinnvoll sei eine kontrollierte Zulassung für einen begrenzten Zeitraum mit definierten Qualitätsanforderungen, so Dr. Kraft-Rainald Schmidt vom VdAK. BVMed-Geschäftsführer Joachim M. Schmitt bewertete die Innovationsbegleitung durch die Krankenkassen positiv. Die Spielregeln müssten aber von Krankenkassen und MedTech-Unternehmen gemeinsam festgelegt werden.

 


In seiner Einführung wies BVMed-Geschäftsführer Joachim M. Schmitt auf die große wirtschaftliche Bedeutung der MedTech-Branche hin. Die Medizintechnikindustrie beschäftigt in Deutschland insgesamt rund 150.000 Menschen in über 11.000 Unternehmen. Der Gesamtumsatz der produzierenden Medizintechnikunternehmen liegt bei rund 16 Milliarden Euro. Die Gesundheitsausgaben im Bereich der Medizinprodukte betragen rund 20 Milliarden Euro. Die Medizintechnologie ist eine dynamische und hoch innovative Branche. Bei Patenten und Welthandelsanteil liegt Deutschland auf Platz 2 hinter den USA. Deutschland hat in den zukunftsträchtigen Innovationsfeldern der Medizintechnologie durch die große Zahl gut ausgebildeter Ärzte, Forscher und Ingenieure und durch den hohen Standard der klinischen Forschung beste Voraussetzungen, neue Produkte und Verfahren zur Marktreife zu führen. Hemmnisse bestehen allerdings bei der Einführung von Innovationen in die Vergütungssysteme, sodass sie dann auch zeitnah beim Patienten ankommen. Deswegen fällt das Marktwachstum in Deutschland nicht so dynamisch aus wie anderswo.

 

„Der professionelle Umgang mit Patenten wird immer wichtiger!“ Das war die Kernthese von Alfred Schillert, Geschäftsführer der PROvendis GmbH in Mülheim an der Ruhr. PROvendis ist die Patentverwertungsagentur der nordrhein-westfälischen Hochschulen. Die Technologie-Transfer-Zentrale begleitet den gesamten Prozess von der Identifikation und Bewertung einer Innovation über den Patentschutz bis hin zur Verwertung der Schutzrechte gemeinsam mit industriellen Partnern. Nach Schillerts Erfahrungen wird jede vierte Erfindung weiter verfolgt und patentrechtlich geschützt. Das erhöhe die Erfolgswahrscheinlichkeit von Innovationen im Markt. Zudem haben Patente einen guten Ruf und können als Marketinginstrument genutzt werden. Patente seien auch wichtig zur Identifizierung und Bewertung von Innovationen sowie zur Vermeidung von Doppelentwicklungen. Eine gute Übersicht über die Erfindungen in Deutschland biete die „TechnologieAllianz“, das Vermarktungsnetzwerk für Technologien aus der Wissenschaft. Unter www.technologieallianz.de seien rund 700 Erfindungen systematisch wiedergegeben, so Schillert.

Ganz am Anfang, bei der Idee, setzt ein Businessplan-Wettbewerb an. Ben Kühl von der Investitionsbank Berlin stellte den Businessplan-Wettbewerb Berlin-Brandenburg vor. Der Wettbewerb sei mehr ein Schulungsprogramm mit Seminaren, Coaching, Kontaktvermittlung und Feedback. Dafür stehen insgesamt über 360 Juroren zur Verfügung: Unternehmer, Berater und Kapitalgeber. Diese Dienstleistungen sind für die Teilnehmer bzw. Unternehmensgründer kostenlos. Kühl: „Wir helfen den Gründern, aus Ihrer Idee kontinuierlich ein tragfähiges Geschäftskonzept zu erstellen. Damit wollen wir Gründungen unterstützen und initiieren.“ Bei der Erstellung eines Businessplans sei insbesondere die Zusammenfassung extrem wichtig, da dies von potentiellen Unterstützern zuerst gelesen wird.

Die Investorsicht stellte Dr. Michael Brandkamp, Geschäftsführer des High-Tech Gründerfonds mit Sitz in Bonn, vor. Für ihn ist die MedTech-Branche von besonderer Bedeutung, da es in Deutschland eine sehr gute Forschungslandschaft, eine gute Wirtschaftsstruktur sowie starkes Wachstum gebe. Der enthusiastische Gründer werde oft vom Kapitalmarkt ausgebremst. Hier hilft der High-Tech Gründerfonds, der Finanzierungsmöglichkeiten zur Unternehmensgründung bietet. Es handelt es sich um einen öffentlichen Fonds, der seit September 2005 arbeitet. Das Volumen beträgt derzeit 272 Millionen Euro. Investoren sind das Bundeswirtschaftsministerium, die KfW sowie Unternehmen wie BASF, Telekom, Siemens, Daimler, Bosch oder Carl Zeiss. Zielgruppe sind kleine, junge und innovative High-Tech Unternehmen in der Gründungsphase („Seedphase“). Pro Projekt werden bis zu 500.000 Euro Risikokapital als Gründungsfinanzierung zur Verfügung gestellt. Die Gründungsfinanzierung reicht meist bis zum Prototyp, so Dr. Brandkamp. Zum finanziellen Aspekt komme eine intensive Betreuung durch Coaches hinzu. Ziel sei die Weiterfinanzierung durch Venture-Kapitalgeber. Bislang wurden 90 Beteiligungszusagen an Technologieunternehmen erteilt.

Jürgen Krome von der Fraunhofer Technologie-Entwicklungsgruppe TEG in Stuttgart stellte die 58 Institute der Fraunhofer-Gesellschaft vor, der größten europäischen Forschungseinrichtung. Die Fraunhofer-Institute haben insgesamt einen Forschungsetat von rund einer Milliarde Euro und fast 13.000 Mitarbeiter. Ein Drittel der Mittel stammen von Industrieaufträgen, zwei Drittel aus öffentlichen Mitteln. Die Institute verstehen sich als Bindeglied zwischen Forschung und Industrie. „Wir loten aus, wo es Möglichkeiten einer Kooperation mit Unternehmen gibt.“ Die Medizintechnologien seien dabei ein wichtiges Leitthema. Ein Beispiel aus der Forschung: Der Graue Star betrifft viele alte Menschen. Wenn die Linsentrübung den Alltag beeinträchtigt, hilft nur die Operation. Im EU-Projekt MIRO entwickeln Wissenschaftler neue Kunststoffe für dünnere Intraokularlinsen.

Der Nutzen eines neuen Produktes für den Patienten, Möglichkeiten der Messung dieses Nutzens sowie die einfache Handhabung der Innovation: Das sind nach Ansicht von Thom Rasche vom Venture-Kapitalgeber Earlybird wichtige Punkte, damit ein Geschäftskonzept Kapitalgeber überzeugt. Earlybird hat ein Fondsvolumen von insgesamt knapp 500 Millionen Euro. Ein wichtiges Kriterium ist ein Alleinstellungsmerkmal, das durch Patente und Rechte gesichert sein muss.

Die Technologie müsse große Märkte im Hintergrund haben, damit für die Indikationsstellung Spielraum vorhanden ist. Zu der Frage, ob das Produkt eine ausreichende Wachstumsperspektive biete, gehöre damit eine eingehende Analyse des zugrunde liegenden Marktes. Wichtig auch: Wie nah ist der Markt an den Sozialsystemen und hängt damit von der Kassenerstattung ab? Den Kapitalbedarf in der Medizintechnik bezifferte Rasche auf etwa 5 bis 20 Millionen Euro bis zum Markteintritt. Der Geldbedarf für den dann beginnenden Vertrieb liege bei 10 bis 20 Millionen Euro, denn der Vertrieb der Innovation könne nicht nur von strategischen Partnerschaften abhängig gemacht werden. Im Durchschnitt liege der Zeitbedarf zwischen fünf und sieben Jahren. Der Wettbewerb um das VC-Kapital ist stark: Von 300 Anträgen aus dem MedTech-Bereich werden nur ein bis zwei jährlich in das VC-Portfolio aufgenommen.

Den Prozess der Ideenumsetzung in der Industrie beschrieb Dr. Michael Kühler, Manager Entwicklung bei der B. Braun Melsungen AG, Sparte Aesculap, am Beispiel des Drug Eluting Ballon. Die Idee einer Uniklinik war die lokale Medikamentenabgabe zur Behandlung der Restenose durch einen Ballon statt Stents. Erste klinische Studien bestätigen erfolgreiche Tierversuche. Kühler betonte, dass 50 Prozent der Ideen von den Anwendern, hauptsächlich den Ärzten, kommen. Soll eine Innovation erfolgreich sein, müsse man das gesamte Umfeld betrachten: Was sind längerfristige Trends? Welchen Einfluss haben die veränderten Lebensgewohnheiten? Welche Anforderungen an Zulassung und Erstattung werden gestellt? Der Innovationsprozess dürfe deshalb nicht nur Technologiegetrieben sein. Zu dem komplexen Entscheidungsprozess gehören vielmehr ein konsequentes Ideenmanagement, ein Portfoliomanagement und ein Meilensteinprozess mit Überprüfungen zu bestimmten Zeitpunkten. Wichtig ist, dass eine CE-Kennzeichnung nicht automatisch zur Kostenerstattung führt. Deshalb müssten die Voraussetzungen für die Zulassung und Kostenerstattung in den Fokusmärkten frühzeitig geklärt werden. Das setze eine kontinuierliche Kommunikation der Beteiligten voraus. Valide klinische Daten seien dabei ein wichtiger „Türöffner“.

Dr. med. Kraft-Rainald Schmidt vom Verband der Angestellten-Krankenkassen (VdAK) wünschte sich eine frühere Einbindung der Krankenkassen in den Innovationsprozess. Innovationen an sich seien kein Qualitätskriterium. Es komme auf den Nutzen an: „Sinnvolle Innovationen sind Nutzen stiftende Veränderungen im Zusammenspiel von Mensch, Technik und Organisation. Sie können Strukturen, Prozesse und Produkte betreffen.“ Das Innovationsmanagement der Krankenkassen sieht mit Einbindung des Medizinischen Dienstes (MDS) vor, Innovationen kontinuierlich und frühzeitig zu überprüfen. Ziel sei es, Innovationen mit Vorteil für Patienten den Versicherten schneller als bisher zur Verfügung zu stellen. Unwirksame, schädliche oder unwirtschaftliche Verfahren sollten dagegen nicht zu Lasten der Patienten angewandt werden dürfen. Die Krankenkassen wollen mit dem Innovationsmanagement auch Impulse für geeignete Studien geben. Statt einer „Schwarz-Weiß-Entscheidung“ der Gremien der Selbstverwaltung wolle man eine kontrollierte Zulassung für einen begrenzten Zeitraum mit definierten Qualitätsanforderungen. Die Begleitung von Innovationen durch die gesetzlichen Krankenkassen sei kostenlos für Forscher, Leistungserbringer und die Industrie. Die Perspektive sei eine „qualitätsorientierte Vergütung“, so Dr. Schmidt.

Dr. Heinz Nagel, Fachgebietsleiter beim Medizinischen Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen, stellte die Innovationsbegleitung durch den MDS vor. Derzeit werde ein professionelles Innovationsmanagement als gemeinsame Initiative der Krankenkassen und des MDS aufgebaut. In den ersten Monaten habe es bereits über 30 Anfragen an den MDS gegeben. Es handele sich dabei um einen zusätzlichen, kostenfreien Service im ambulanten wie stationären Bereich. Ziel ist es, „Innovationen mit guten Daten zu fördern, damit sie ihren Weg in die Versorgung machen“, so Dr. Nagel. Man wolle die Informationsbeschaffung verbessern, medizinische Innovationen analysieren und bewerten sowie sinnvolle Projekte begleiten. Der Endpunkt sei, gute Verfahren frühzeitig einzuführen und schlechte Verfahren rechtzeitig auszuschließen.

Moderiert wurde die Konferenz von der Hamburger Medizinjournalistin Renate Harrington.

Hinweis an die Medien: Druckfähige digitale Bilder zur Veranstaltung finden Sie hier.


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