Innovationen

Berliner Medienseminar des BVMed Herbstumfrage zeigt: „Mehr Arbeitsplätze trotz erhöhtem Kostendruck“

14.10.2008 - 80/08

Berlin. Die Medizintechnik-Branche bleibt in Deutschland trotz des erhöhten Preisdrucks ein Jobmotor. Nach der Herbstumfrage des Bundesverbandes Medizintechnologie, BVMed, haben 55 Prozent der MedTech-Unternehmen gegenüber dem Vorjahr neue Arbeitsplätze geschaffen. Bei knapp 30 Prozent der Unternehmen blieb die Mitarbeiterzahl stabil. Hochgerechnet auf die Mitgliedsunternehmen sind das 4.200 neue Arbeitsplätze, teilten BVMed-Vorstandsvorsitzender Dr. Meinrad Lugan und BVMed-Geschäftsführer Joachim M. Schmitt auf dem 9. Berliner Medienseminar des Verbandes mit. Insgesamt beschäftigt die Branche über 170.000 Menschen in Deutschland. An der Umfrage beteiligten sich 72 MedTech-Unternehmen, darunter die 20 weltweit größten Hersteller aus dem Verbrauchsgüterbereich.

Die Stimmung in der MedTech Branche hat sich gegenüber dem Vorjahr deutlich verschlechtert. Das Umsatzwachstum ist aufgrund der anhaltenden Mengensteigerungen mit rund 5,4 Prozent noch recht gut (2007 lag es bei 7 Prozent). Es wird aber durch den anhaltenden Preisdruck und die stark gestiegenen Rohstoff- und Energiepreise kompensiert. Für das laufende Jahr 2008 erwarten rund 37 Prozent der Unternehmen ein besseres Ergebnis gegenüber dem Vorjahr. Dagegen erwarten 28 Prozent der Unternehmen in diesem Jahr Verluste. Die Gewinnsituation der MedTech-Branche ist damit deutlich angespannt, so der BVMed. Bei den gesundheitspolitischen Forderungen der Unternehmen steht der Wunsch nach einer Flexibilisierung der Erstattungssysteme im Vordergrund. Die Branche spricht sich vor allem für mehr Eigenverantwortung der Patienten durch Aufzahlungsmodelle und für mehr Wahlfreiheiten für die Versicherten aus. An der Herbstumfrage des BVMed hatten sich insgesamt 72 Unternehmen der Medizintechnologie beteiligt und 14 ausführliche Fragen beantwortet.


Die Unternehmen, die sich an der Umfrage beteiligten, investieren im Durchschnitt rund 7,2 Prozent ihres Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Der Wert liegt bei sehr guten 9 Prozent, wenn man die reinen Vertriebsgesellschaften herausrechnet und sich damit die forschenden MedTech-Unternehmen isoliert betrachtet. Die Innovationskraft der Branche spiegelt wider, dass rund 84 Prozent der Unternehmen für das kommende Jahr planen, neue Produkte und Verfahren auf den Markt zu bringen. Der Innovationsschwerpunkt liegt dabei erwartungsgemäß im stationären Bereich, so der BVMed.

Bei der Frage nach den Stärken des Standorts Deutschland für die Medizintechnologie gibt es von den BVMed-Unternehmen viel Anerkennung und hohe Wertschätzung. Zu den genannten Stärken gehören vor allem das hohe Versorgungsniveau der Patienten (67 Prozent), die große Anzahl gut ausgebildeter Ärzte (56 Prozent) sowie der hohe Standard der klinischen Forschung (50 Prozent). Bemängelt wird vor allem das niedrige Erstattungsniveau in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Staaten.

Als stärkstes Hemmnis für die Branchenentwicklung wird wie im Vorjahr der gestiegene Preisdruck durch die Einkaufsgemeinschaften angesehen. 70 Prozent geben diesen Faktor an. Auf Platz zwei der Hemmnisliste sind in diesem Jahr die gestiegenen Rohstoff- und Energiekosten vorgerückt. Sie werden von 49 Prozent der Unternehmen genannt.

Die BVMed-Unternehmen wünschen sich von der Gesundheitspolitik vor allem mehr Flexibilität in den Erstattungssystemen. 57 Prozent plädieren für mehr Eigenverantwortung der Patienten durch Zuzahlungsmodelle. 43 Prozent wollen mehr Wahlfreiheiten für die Versicherten. Es folgen der Vorschlag nach einer Aufhebung der Budgetierung im Krankenhaussektor (44 Prozent) und einer ergebnisorientierten Vergütung von Gesundheitsleistungen (40 Prozent). 33 Prozent sprechen sich für das Modell „Grundversorgung plus Zusatzversicherungen“ aus.

BVMed-Vorstandsvorsitzender Dr. Meinrad Lugan: „Wenn wir die Finanzierung der Gesetzlichen Krankenversicherung langfristig sichern wollen, müssen wir neue Wege diskutieren. Dazu gehört für uns das Nachdenken über eine steuerbegünstigte ‚Riester-GKV’.“ Sein Fazit lautete: „Wenn wir den medizinischen Fortschritt fördern, dabei noch koordinierter vorgehen und Qualitätsaspekte stärker berücksichtigen, dann werden die MedTech-Unternehmen auch in Zukunft zum Wohle der Patienten ein Motor der Gesundheitswirtschaft sein.“


Drei Trendberichte:
Trends der Medizintechnologien für Babys und Kinder

Das übergreifende Thema des BVMed-Medienseminars lautete „Trends der Medizintechnologien: MedTech für Babys und Kinder“.

Prof. Dr. med. Joachim-Gerd Rein, Chefarzt und Ärztlicher Direktor der Herzchirurgischen Klinik der Sana in Stuttgart und Mitglied des Inneren Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG), stellte die Fortschritte bei der Behandlung von Herzfehlern bei Babys und Kindern und den Beitrag von MedTech zur herzchirurgischen Versorgung vor. 1960 wurde im Zentralblatt für Kinderheilkunde noch mitgeteilt, dass 85 Prozent der Kinder mit vertauschter Haupt- und Lungenschlagader vor dem sechsten Lebensmonat versterben und 50 Prozent aller Säuglinge mit angeborenem Herzfehler nicht älter als ein Jahr werden. „Die Entwicklung der vergangenen Jahre hat jetzt dazu geführt, dass in Deutschland über 90 Prozent dieser Kinder das Erwachsenenalter erreichen – Tendenz ständig steigend“, so Prof. Rein. Verantwortlich für diese enormen Fortschritte seien zwei Bereiche, „die sich letztlich ständig ergänzt haben“.

Neben dem rein medizinischen Bereich mit Fortschritten auf dem Gebiet Kinderkardiologie, Chirurgie, Anästhesie, Intensivmedizin und Physiologie sei dies die Medizintechnik, „die teilweise Möglichkeiten eröffnet, die vor kurzem noch undenkbar waren“. Prof. Rein nannte völlig neue Therapiekonzepte wie Gewebezüchtung und minimalinvasive, kathetergestützte Klappenimplantationen.

Prof. Dr. med. Dieter Weitzel, Kinderdiabetologe und Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin an der Deutschen Klinik für Diagnostik, Fachbereich Kinder- und Jugendmedizin, in Wiesbaden präsentierte neue Behandlungsoptionen für Kinder mit Diabetes auf dem Weg zum „closed loop“ (geschlossenen System). Diese Entwicklung laufe auf zwei Wegen: Die Abgabe des Insulins in das Bauchfell und Steuerung der Dosierung über die Glukosebestimmung im Blut sowie die Abgabe des Insulins ins subkutane Fettgewebe und Steuerung der Insulindosierung über die kontinuierliche Glukosemessung im subkutanen Fettgewebe. Beide Ansätze funktionieren bereits unter experimentellen Bedingungen.

In der Praxis umgesetzt werde bereits die sensorgestützte Pumpentherapie (SuP), bei der ein Sensor im Unterhautfettgewebe kontinuierlich Glukose misst und die Daten an die Pumpe funkt. Die Insulinabgabe veranlasst der Patient nach Eingabe des Blutzuckers und der Kohlenhydrate, wobei der Rechner in der Pumpe dem Patienten aufgrund der eingegebenen Algorhythmen einen Vorschlag macht.

PD Dr. med. Hannes Haberl, Facharzt für Neurochirurgie und Leiter des Arbeitsbereiches Pädiatrische Neurochirurgie an der Charité Berlin, stellte moderne Implantate aus der Neurochirurgie für Kinder vor. Er verwies auf die Verbesserung der Lebensqualität durch neurochirurgische Implantate am Fallbeispiel der Ventilsysteme zur Behandlung des Hydrocaphalus (Wasserkopf).

Die Häufigkeit der angeborenen Hydrocephaluserkrankung wird in Europa unverändert mit 5 von 10.000 Lebendgeburten geschätzt. Heute werden in Deutschland jährlich etwa 12.500 implantierbare Ventile, sogenannte „Shunts“, implantiert. Dr. Haberl: „Zusammen mit einer verfeinerten minimal invasiven Operationstechnik haben technische Verbesserungen zu einem enormen Gewinn an Lebensqualität mit nahezu uneingeschränktem Alltag betroffener Patienten geführt.“ Ein wesentlicher Schritt in diese Richtung war die Entwicklung des schwerkraftassistierten Hydrocephalusventils für Kinder (paediGAV) vor Ort.

Alle Informationen zum BVMed-Medienseminar „Trends der Medizintechnologie“ sowie die Ergebnisse der BVMed-Branchenbefragung befinden sich im Internet unter:
www.bvmed.de/medienseminar08.


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