Innovationen

Von der Idee zum Produkt: Innovationen der Medizintechnologie

Rede des BVMed-Vorstandsvorsitzenden
Dr. Meinrad Lugan auf dem BVMed-Herbsttreffen
am 25. September 2008 in Berlin

Sehr geehrte Abgeordnete und Mitarbeiter des Deutschen Bundestages,
liebe Kolleginnen und Kollegen der BVMed-Mitgliedsunternehmen,

herzlich Willkommen zum BVMed-Herbstgespräch in der Parlamentarischen Gesellschaft. Wir wollen diesen Abend für den Dialog und den Meinungsaustausch zu Themen der Gesundheitswirtschaft und der MedTech-Branche nutzen.

Für diese Gespräche möchte ich Ihnen aus Sicht des BVMed einige kurze Informationen und Botschaften mitgeben.

Zunächst: Wer sind wir?

Der BVMed vertritt als Wirtschaftsverband rund 220 Industrie- und Handelsunternehmen der Medizintechnologiebranche. Im BVMed sind unter anderem die 20 weltweit größten Medizinproduktehersteller im Verbrauchsgüterbereich organisiert.

Über welchen Markt reden wir?

Die Medizintechnologie ist eine sehr heterogene Branche: Verbandmittel. Spritzen, Katheter, Kanülen. Hilfsmittel wie Stoma- und Inkontinenzprodukte. Enterale Ernährung. Implantate wie künstliche Gelenke oder Herzschrittmacher.

Sie sehen: Unser Engagement für die Patienten ist breit gefächert. Gemeinsam sind allen Produktbereichen die folgenden Kernbotschaften:

1. Medizintechnologien sind unentbehrlich für Gesundheit und bessere Lebensqualität. Sie helfen in allen Bereichen des Gesundheitswesens und in allen Lebensphasen.

2. Medizintechnologien sind eine Investition in das Leben und die Leistungsfähigkeit der Menschen. Sie helfen den Patienten, schneller zu gesunden. Sie helfen der Volkswirtschaft, weil die Menschen schneller aus der Klinik entlassen und damit auch wieder ihrer Arbeit nachgehen können.

3. Gerade deswegen müssen innovative Medizintechnologien allen Patienten, die sie benötigen, zeitnah zur Verfügung gestellt werden.

Hier einige Beispiele für Meilensteine des medizinischen Fortschritts der letzten Jahre:

> Durch implantierbare Schrittmachertechnologien haben wir die Sterblichkeitsrate bei schweren Herzerkrankungen erheblich absenken können.

> Bei der Behandlung von Gefäßverschlüssen haben wir mit den Gefäßstützen, den so genannten Stents, eine effektive und viel versprechende Behandlungsoption.

> Augenkrankheiten können heute durch künstliche Linsen und Lasertechnologien geheilt werden. Faltbare Intraokularlinsen ermöglichen eine ambulante Operation mit Kleinstschnitttechniken und geringem Risiko.

> Künstliche Gelenke erhalten die Mobilität der Menschen. Die Materialien sind immer verschleißfreier. Die Operationstechniken werden dank moderner Operationsmethoden und Navigationssystemen immer schonender.

> Der medizinische Fortschritt betrifft auch Bereiche, die sonst eher im Schatten stehen: Die moderne feuchte Wundversorgung hat die Behandlung von Wunden revolutioniert. Infusionstherapien werden immer sicherer und effizienter. Verbandmaterialien, Inkontinenz- oder Stomaprodukte werden immer leistungsfähiger.

Unsere MedTech-Branche steht seit einigen Jahren verstärkt im Blickpunkt der Politik und der Öffentlichkeit. Zu Recht.

> Das liegt zum einen an den eben kurz skizzierten Leistungen für die Patienten.

> Zum anderen liegt es daran, dass die Unternehmen der Medizintechnologie einen wichtigen Beitrag für Arbeitsplätze und Wirtschaftskraft leisten. Die Medizinprodukteindustrie beschäftigt in Deutschland rund 170.000 Menschen. Die Gesundheitsausgaben im Bereich der Medizinprodukte betragen in Deutschland über 22 Mrd. Euro.

Deshalb ist es unser Ziel, die große Bedeutung und die Wertigkeit der Medizintechnologien in den Mittelpunkt zu stellen.

Ich möchte Ihnen im Folgenden einige verbandspolitische Anliegen anhand von drei Phasen oder Schritten zum medizinischen Fortschritt von der Idee zur Anwendung erläutern.

Erster Schritt: Ideen für medizinischen Fortschritt

Bis ein innovatives, Leben rettendes oder die Lebensqualität verbesserndes Verfahren auch wirklich den Patienten zugute kommt, muss es einen langen Weg zurücklegen. Am Anfang steht immer die Frage: Kann ich eine Erkrankung mit einem Medizinprodukt erfolgreich behandeln bzw. ein bestehendes Verfahren verbessern? Oder: Eine Behandlung hat sich in einem Bereich hervorragend bewährt – können wir sie auf andere Gebiete übertragen? Solche Ideen kommen überwiegend von den Anwendern, den Ärzten oder Pflegefachkräften.

Die Rahmenbedingungen hierfür sind in Deutschland hervorragend. Wir haben in den zukunftsträchtigen Innovationsfeldern der Medizintechnologie durch die große Zahl gut ausgebildeter Ärzte, Forscher und Ingenieure und durch den hohen Standard der klinischen Forschung beste Voraussetzungen, neue Produkte und Verfahren zu entwickeln. Wir haben durch die Universitätskliniken und die zahlreichen Kompetenzzentren in der Medizintechnik ein großes Wissen.

Auch die Fördermöglichkeiten in Deutschland sind sehr gut. Die Fördermittel des Forschungsministeriums sind stetig gestiegen. Die Medizintechnik ist einer der Leitmärkte in der HighTech-Strategie der Bundesregierung.

Verbesserungsbedarf sehen wir beim Thema Koordination der verschiedenen Politikbereiche. Wir setzen uns für eine engere Verknüpfung zwischen den Politikbereichen Wirtschaft, Forschung, Finanzen und Gesundheit ein, um die Zusammenarbeit aller zuständigen Ministerien insbesondere bei Studien und Unterstützungsprogrammen für die Gesundheitswirtschaft noch stärker zu koordinieren.

Zweiter Schritt: Von der Idee zum fertigen Produkt

Die Idee zu einem Produkt oder Verfahren wird von den Ärzten gemeinsam mit Technikern und Ingenieuren in den Unternehmen weiterentwickelt.

Die Entwicklung der Technologie selbst orientiert sich an maximalen Sicherheitsanforderungen. Der Prozess wird begleitet von einer Risikoanalyse, die das mögliche Gefahrenpotential des jeweiligen Verfahrens dem Nutzen gegenüberstellt. Ein umfangreiches Regelwerk gibt die Bewertung dieser Parameter vor. Ob das neue Produkt die Hoffnungen der Entwickler und Ärzte erfüllt, zeigt sich in der klinischen Anwendung.

Wenn die hohen gesetzlichen Sicherheitsanforderungen erfüllt werden, kann die CE-Kennzeichnung angebracht werden. Es ist der „Reisepass", der das Inverkehrbringen innerhalb des Europäischen Wirtschaftsraums ermöglicht. Sie steht deshalb auch für umfassende Sicherheit, Leistungsfähigkeit und somit für die Qualität des Produktes.

Dieser Rechtsrahmen für Medizinprodukte mit risikoabgestuften Anforderungen hat sich bewährt. Wir setzen uns dafür ein, dass es hier keine Entwicklung hin zum Arzneimittelrecht gibt, da die Abhängigkeit der Anforderungen von der Risikoklasse der Medizinprodukte in unserer heterogenen Branche absolut sinnvoll ist.

Dritter Schritt: Das neue Produkt in der Anwendung

Mit dem Marktzugang ist allerdings noch nicht sichergestellt, dass das neue Produkt bzw. Verfahren auch dem Patienten zur Verfügung steht. Im Unterschied zu Arzneimitteln sind neue MedTech-Verfahren häufig komplex und müssen den Ärzten in speziellen Trainings- und Weiterbildungseinheiten nähergebracht werden, beispielsweise wenn es sich um eine neue OP-Methode handelt. Für dieses "Training & Education" ist eine enge Zusammenarbeit von Industrie und Ärzten unabdingbar.

Es geht um die sichere Handhabung und effektive Anwendung der neuen medizintechnischen Methode und um die Sicherheit der Patienten. Dafür braucht es Kooperationen, Trainings- und Weiterbildungsangebote.

Gemeinsam mit den Partnern in den Kliniken und der Ärzteschaft arbeitet der BVMed seit vielen Jahren daran, dieser notwendigen Kooperation im Gesundheitsmarkt eine sichere und transparente Grundlage zu geben. Dafür steht der MedTech-Kompass, den der BVMed Anfang 2008 ins Leben gerufen hat. Mit seinem umfangreichen Informations- und Beratungsangebot und mit klaren Handlungsempfehlungen wirbt der Kompass für eine gute und transparente Zusammenarbeit.

Wenn es nicht gelingt, die entstandenen Unsicherheiten bei dieser Zusammenarbeit zu beseitigen, dann besteht die Gefahr, dass der medizinische Fortschritt gehemmt wird.

Ein weiteres Thema ist die Finanzierung von neuen Produkten und Verfahren der Medizintechnologie.

Hier haben wir verschiedene Anliegen, die ich kurz skizzieren möchte:

1. Bei den Vorarbeiten zum Gesundheitsfonds setzt sich der BVMed für eine adäquate Finanzierung der medizinischen Leistungen ein. Die Politik hat erkannt, dass die Arbeit der Leistungserbringer im Gesundheitswesen einen entsprechenden Stellenwert hat, der anerkannt und entsprechend vergütet werden muss. Dies zeigen die Vereinbarungen im niedergelassenen Bereich und die im Krankenhausfinanzierungsrahmengesetz vorgesehenen Verbesserungen für den Krankenhausbereich. Diese stellen die hohe Leistungskompetenz der medizinischen Versorgung sicher und kommen damit auch dem medizinischen Fortschritt zu Gute.

2. Wir setzen uns im laufenden Gesetzgebungsverfahren zur künftigen Krankenhausfinanzierung für eine Verbesserung der Innovationsklausel des DRG-Systems ein. Um einen flexibleren und schnelleren Zugang zu medizinischem Fortschritt zu ermöglichen, schlägt der BVMed eine Vereinfachung und Entbürokratisierung bei der Vergütung neuer Untersuchungs- und Behandlungsmethoden nach dem Krankenhausentgeltgesetz vor. Entsprechende Formulierungsvorschläge und ein unterstützendes Argumentationspapier haben wir den Gesetzgebungsorganen zur Verfügung gestellt.

3. Wir setzen uns für die Beibehaltung des Prinzips „Erlaubnis mit Verbotsvorbehalt“ im Krankenhausbereich ein. Dieses Prinzip ist wichtig für die Innovationskraft der Kliniken und der MedTech-Branche. Viele Innovationen finden zuerst im Krankenhaus ihre Anwendung. Medizintechnologische Innovationen im Krankenhaus werden zu Lasten der Gesetzlichen Krankenversicherung vergütet, solange keine negative Entscheidung des G-BA vorliegt. An diesem Prinzip muss im stationären Sektor festgehalten werden, um innovative Medizintechnologien in Deutschland allen Patienten, die sie benötigen, ohne Zeitverzögerung zur Verfügung zu stellen.

4. Wir setzen uns für eine Flexibilisierung der Vergütungsregelungen ein. Wir sind für eine stärkere Eigenverantwortung der Versicherten. Wir sind für flexiblere Finanzierungsmodelle in ausgewählten Bereichen der Medizintechnik. Wenn wir hier das System öffnen, dann werden die Krankenkassen künftig im Wettbewerb um die schnelle Innovationseinführung stehen.


Meine Damen und Herren,

der Umgang mit dem medizintechnischen Fortschritt ist eines der wichtigsten Gestaltungsthemen im Gesundheitsmarkt. Es betrifft die Unternehmen der Medizintechnologie als Teil einer dynamischen und hoch innovativen Branche in besonderem Maße.

> Denn rund ein Drittel ihres Umsatzes erzielen die deutschen Medizintechnikhersteller mit Produkten, die weniger als drei Jahre alt sind.

> Durchschnittlich investieren die forschenden MedTech-Unternehmen rund neun Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung.

Eine große Herausforderung für den BVMed und die Unternehmen der Medizintechnologie ist es, mit Studien und klaren Argumentationslinien die Entscheidungsträger davon zu überzeugen, dass Innovationen im Gesundheitsmarkt nicht nur unter dem Kostenaspekt diskutiert werden dürfen. Wichtig sind die Gesamtkosten eines Behandlungsfalles.

Wir werben für neue Allianzen für Qualität und medizinischen Fortschritt im
Gesundheitsmarkt.

Der BVMed setzt sich für gemeinsame Projekte der MedTech-Unternehmen mit den Krankenkassen und den Ärzten ein, um Kriterien für einen echten Qualitätswettbewerb zu entwickeln und festzuschreiben. Gemeinsames Ziel muss es im Sinne des Patienten sein, dem Trend zur Billigmedizin entgegenzuwirken und Qualitätsstandards sicherzustellen.

Der BVMed und die Unternehmen der Medizintechnologie stehen für diesen wichtigen Prozess als konstruktiver Partner und Mitgestalter zur Verfügung.


Meine Damen und Herren,

abschließend möchte ich Ihnen noch einen Denkanstoß für die Diskussionen heute Abend mitgeben:

Der Gesundheitsfonds kommt zum 1. Januar 2009. Wir wissen allerdings noch nicht, ob er ausreichend finanziert ist. Wenn wir die Finanzierung der Gesetzlichen Krankenversicherung langfristig sichern wollen, müssen wir neue Wege diskutieren. Man könnte ja beispielsweise über eine steuerbegünstigte „Riester-GKV“ nachdenken. Ich freue mich darauf, Ihre Meinung dazu heute Abend kennenzulernen.

Ich wünsche Ihnen gute Gespräche.

Vielen Dank.



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