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Arztpraxis
Kassen, Kliniken, Ärzte und Unternehmen arbeiten verstärkt zusammen: BVMed-Innovationskongress zeigte neue Versorgungsmodelle mit innovativen Medizintechnologien
10.09.2004 - 53/04
Bei den neuen Versorgungskonzepten ging es vor allem um Integrierte Versorgungsverträge (IV), die nach Ansicht aller Beteiligten große Chancen bieten und das Gesundheitssystem stark verändern werden. „Man kann durch innovative Modellvorhaben Impulse im System setzen“, so Bernd Beyrle von der Techniker Krankenkasse. „DMPs und Integrierte Versorgungskonzepte werden der qualitätsgesicherten Medizin zum Durchbruch verhelfen. Denn man bewegt in Sachen Qualitätssteigerung der Versorgung nur etwas, wenn das Geld dann auch den qualitätsgesicherten Pfaden folgt“, sagte der Chef der AOK Rheinland, Wilfried Jacobs. Die Kernfrage der neuen Modelle ist nach Jacobs: „Wo ist der Nutzen für die Patienten?“ An die Unternehmen der Medizintechnologie appellierte der AOK-Chef, die Krankenkassen frühzeitig über Innovationen „in der Pipeline“ zu informieren.
BVMed-Vorstandsmitglied Dr. Friedhelm Bartels forderte in der Podiumsdiskussion einen „Schulterschluss der Krankenkassen“ bei der Anschubfinanzierung von Modellversuchen zur Einführung von Innovationen der Medizintechnologie. Es mache keinen Sinn, dass jede Kasse unterschiedlich vorgehe. Sicher sei, dass neue Technologien kostenneutral nicht zu haben seien. „Wir reden über Qualität der Leistungen, aber auf der anderen Seite können Leistungen der Unternehmen oder der Ärzte nicht umsonst sein.“
Bei den Beispielen zu neuen Versorgungsformen und Strukturen ging es um ein Modellvorhaben der AOK Rheinland zur Brustkrebsdiagnostik mit der Vakuumbiopsie, um ein bundesweites Versorgungsmodell mit medikament-freisetzenden Stents der DAK, um neue Konzepte in der Inkontinenzbehandlung sowie der Wundversorgung im Rahmen Integrierter Versorgungsmodelle und um telemedizinische Anwendungen in der Herzschrittmacher- und ICD-Therapie. Die fünf Beispiele des BVMed-Innovationskongresses im Einzelnen:
Brustkrebsdiagnostik mit der Vakuumbiopsie
Wilfried Jacobs, Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland, stellte das Modellvorhaben „Brustkrebsdiagnostik mit der Vakuumbiopsie“ unter Beteiligung von Kliniken und niedergelassenen Vertragsärzten vor. Im Versicherungsbestand der AOK Rheinland gebe es 5.500 an Brustkrebs erkrankte Frauen. Ziel der Kasse sei es, die offenen Biopsien einzuschränken und eine qualitätsgesicherte und schonende Versorgung zu sichern. Denn es dürfe nicht sein, dass 150.000 Operationen an der offenen Brust durchgeführt werden, nur um festzustellen, dass kein Brustkrebs vorhanden ist. Ziel sei es, keine offene Biopsie mehr im Budget zu erstatten. Notwendige offene Biopsien werden außerbudgetär erstattet, wenn sie begründet sind. Jacobs: „Sie bewegen in Sachen Qualitätssteigerung der Versorgung nur etwas, wenn das Geld dann auch den qualitätsgesicherten Pfaden folgt!“ Wichtigster Effekt der Modelle sei die Konzentration der Krankenhäuser. Bedingung für die Ausweisung als Brustkrebszentrum sei z. B. eine Fallzahl von 150. Nach Jacobs’ Aussage werde die Regelfinanzierung der Vakuumbiopsie ab 1. Januar 2005 über eine Fallpauschale in der Klinik und den neuen EBM im niedergelassenen Bereich gesichert sein.
Das Verfahren der Vakuumbiopsie der Brust erläuterte Dr. med. Johann Jennissen vom Strahleninstitut-CDT in Köln. Brustkrebs ist in Deutschland die häufigste Krebserkrankung der Frau. Jeder vierte Krebs bei der Frau betrifft die Brust. Jährlich erkranken schätzungsweise 43.000 Frauen. Davon sind 15.000 zum Diagnosezeitpunkt jünger als 60 Jahre. Eine neue, schonende Innovation der Medizintechnologie zur Brustkrebs-Diagnostik ist die Vakuumbiopsie zur Gewebeentnahme bei Verdacht auf Brustkrebs. Ziel des Verfahrens ist es, den betroffenen Frauen unnötige Belastungen zu ersparen. Diese Innovation sei „ein Riesenfortschritt gegenüber den Anfängen“, so Jennissen. Die Vakuumbiopsie der Mamma ist so sicher wie eine chirurgische Biopsie, dabei aber so schonend wie eine Stanz- oder Feinnadelbiopsie. Mit einer speziellen Nadel kann mit nur einem Einstich ausreichend Gewebe entnommen werden, um eine medizinisch verlässliche Diagnose zu stellen. Kontrolliert wird die Entnahme entweder mit Röntgenbildern oder per Ultraschall. Eine Narbe bleibt nicht zurück. Da die Vakuumbiopsie unter lokaler Betäubung vorgenommen wird, kann die Patientin nach dem Eingriff normalerweise wieder nach Hause gehen. Ein Krankenhausaufenthalt ist nicht notwendig.
Versorgung mit medikament-freisetzenden Stents bei drohendem Gefäßverschluss
Klaus Spörkel, Abteilungsleiter Leistungen und Verträge bei der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) in Hamburg, und der Krankenhauskardiologe Prof. Dr. Stephan Willems vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) stellten den gemeinsamen Vertrag zur Integrierten Versorgung von Herzpatienten mit medikament-freisetzenden Stents vor. Der Vertrag zum Krankheitsbild der koronaren Herzkrankheit (KHK) schließt neben DAK und UKE auch öffentliche Apotheken und ambulante Ärzte mit ein. Er vernetzt die stationäre Therapie mit der ambulanten Nachsorge. Doppeluntersuchungen werden vermieden und Abläufe durch mehr Kommunikation besser abgestimmt. Ziel des Modells sei die bessere Versorgung mit medizintechnischen Innovationen, die qualitätsgesicherte Teilhabe aller Versicherten am medizinisch-technischen Fortschritt, eine schonende Behandlung der Patienten sowie mittel- und langfristige Kostensenkung durch Vermeidung von Bypass- und Rezidiv-Operationen, so Spörkel.
Der niedergelassene Kardiologe Dr. med. Benny Levenson aus Berlin stellte mit dem medikament-freisetzenden Stent „eine der wichtigsten Innovationen in der Kardiologie“ vor. Die koronare Herzkrankheit gilt als Zivilisationskrankheit Nr. 1: Jedes Jahr sind allein in Deutschland 340.000 Todesfälle auf sie zurückzuführen. Hauptursache ist eine Verengung der Herzkranzgefäße. Reicht die medikamentöse Behandlung zur Linderung der Symptome nicht mehr aus, werden die Engstellen in den Gefäßen mit einer Ballonangioplastie gedehnt und ein Stent als Gefäßstütze eingesetzt. Stents sind dehnbare, maschenartige Röhrchen aus Edelmetall, die das Gefäß offen halten. Bei 15 bis 40 % aller Patienten tritt innerhalb der ersten sechs Monate nach einem Eingriff jedoch eine Wiederverengung ein, die eine erneute Aufdehnung oder sogar eine Bypass-Operation notwendig macht. Diese Wiederverschlussrate wird mit Hilfe eines medikament-freisetzenden Stents auf unter 5 % reduziert. Die neuen Stents sind mit Wirkstoffen beschichtet, die gezielt das Zellwachstum hemmen, ohne dabei die Regeneration der Gefäßwand zu behindern.
Willems und Levenson stellten die Wirksamkeit dieser Innovation dar, machten aber auch auf ein großes Problem aufmerksam: Während in anderen europäischen Ländern bis zu 80 % aller Stentpatienten einen medikament-freisetzenden Stent erhalten, beträgt der Anteil in Deutschland lediglich 7 %. „Es bedarf einer gemeinsamen Anstrengung aller Beteiligten, um gemeinsam Lösungen zur Sicherstellung einer guten Patientenversorgung zu entwickeln“, so Levenson. Eine dieser Zwischenlösungen könnten Verträge zur Integrierten Versorgung sein, wie ihn die DAK abgeschlossen hat.
Inkontinenzbehandlung in der Integrierten Versorgung
Neue Konzepte zur Behandlung von Inkontinenz erläuterte Prof. Dr. med. Walter Ludwig Strohmaier vom Klinikum Coburg anhand des Konzeptes eines „Beratungszentrums für Kontinenz“. Inkontinenz betrifft in Deutschland zwischen 4 und 5 Mio. Menschen. Die Dunkelziffer ist weit höher. Inkontinenz verursacht Kosten in Höhe von rund 2 Mrd. Euro – mit hohen Folgekosten, beispielsweise durch die Aufnahme in Pflegeheimen bei älteren Menschen. Und: „Die demographische Entwicklung beinhaltet eine erhebliche Zunahme des Problems“, so Strohmaier. Das Beratungszentrum für Kontinenz verfolgt das Ziel, Versorgungsdefizite mit einem ganzheitlichen Behandlungskonzept zu schließen. Das Beratungszentrum sichert eine gezielte Diagnostik, aber auch eine individuelle Hilfsmittelversorgung in Partnerschaft mit einem Homecare-Unternehmen. Ziel des Integrierten Versorgungskonzepts ist die Verbesserung der Versorgungsqualität für den Patienten bei zumindest gleichbleibendem Kostenniveau. Fazit: „Gerade die frühzeitige Versorgung der von Inkontinenz Betroffenen sorgt im stationären Bereich für Kostenreduktionen durch Vermeidung von Komplikationen wie Harnwegsinfektionen, Dekubitus oder Niereninsuffizienzen.“
Dieses Konzept der „Zentrencluster“ unterstützte Prof. Dr. med. Oliver Rentzsch von der Fachhochschule Lübeck aus Beratersicht. Da alle Kliniken mittelfristig in Finanzprobleme geraten würden, werden nur betriebswirtschaftlich erfolgreiche Kliniken überleben. Das bedeute: Gute Qualität zu auskömmlichen Preisen. Die Folge sei, dass sich Kliniken auf ihre Kernkompetenzen fokussieren. Wichtige Aspekte im medizinischen Bereich seien geplante Behandlungsabläufe (Pathways), Organisation und Management im OP und in der Aufnahmemedizin oder die Entwicklung interdisziplinärer Kompetenzzentren.
Innovative Medizintechnologien in der Wundversorgung
Ein neues Modell zur Versorgung chronischer Wunden stellte Veronika Gerber, Pflegedirektorin am Kreiskrankenhaus Aurich, am Beispiel des „Kompetenz Centers Aurich“ (KCA) vor. Rund 4 Mio. Menschen sind in Deutschland von chronischen offenen Wunden betroffen. Chronische Wunden bedeuten eine hohe Belastung für die Patienten, lange Behandlungsperioden und eine Amputationsrate auf konstant hohem Niveau sowie hohe Kosten für die Krankenkassen in Höhe von mindestens 4 Mrd. Euro. Das Konzept unter Beteiligung der Krankenkassen sieht eine phasengerechte, problemorientierte, interdisziplinäre und einrichtungsübergreifende Wundversorgung unter Vermeidung von Therapieabbrüchen vor. Ein Prozesscontrolling der angeschlossenen Netzwerkpartner im ambulanten Bereich wird über das KCA mit einer computergestützten Wunddokumentation sichergestellt. „Neben Qualität und Wirtschaftlichkeit wird die Kommunikation aller am Behandlungsprozess Wunde Beteiligter gesteigert - zum Wohle des Patienten“, so Gerber. Integrierte Versorgungsmodelle in der Wundversorgung unter Einsatz moderner feuchter Wundversorgungsprodukte rechnen sich auch finanziell, weil die Wunden schneller heilen und Folgekosten vermieden werden. Erste Integrierte Versorgungsverträge wurden vom KCA vor wenigen Tagen mit den Kassen abgeschlossen.
Bernd Beyrle von der Techniker Krankenkasse (TK) schilderte Ziele der Kasse in Verbindung mit der Integrationsversorgung sowie Anforderungen an die Konzepte. Ziel ist eine qualitative Verbesserung der Versorgung bei gleichbleibenden Kosten oder eine gleichbleibende Versorgung bei sinkenden Kosten. Integrierte Versorgungskonzepte machen nur Sinn, wenn „eine Überlegenheit in medizinischen, betriebswirtschaftlichen und Service-Aspekten gegenüber der Regelversorgung“ vorhanden ist. Für den Versicherten muss ein erkennbarer Nutzen zu sehen sein. Außerdem muss die Entwicklung von standardisierten Versorgungs- und Vertragskonzepten möglich sein, da die TK bundesweit operiert. Beyrles Fazit: „Der Weg zu vollintegrierten Versorgungsformen wird über stufenweise Vertragslösungen führen. Über Einzelverträge wird der Wettbewerb um bessere Versorgungskonzepte entfacht. Erfolgreiche Konzepte werden dann im Wettbewerb kopiert werden. Der Aufbau von Integrierter Versorgung ist ein langer Weg, der über viele kleine Schritte bewältigt wird.“
Telemedizinische Anwendung in der Herzschrittmacher- und ICD-Therapie
Der niedergelassene Arzt Dr. med. Volker Leonhardt aus Berlin und Dr. med. Gerhard Hindricks vom Herzzentrum Leipzig berichteten von positiven Erfahrungen mit der Fernüberwachung von Patienten mit einem Herzschrittmacher (HSM) oder implantierten Defibrillator (ICD). Das so genannte Home-Monitoring optimiere die Behandlung und Prävention bei Herzschwäche und führe zu Kosteneinsparungen. Das Problem sei, dass die Vergütung von telekardiologischen Diagnosetools in Deutschland weder über den EBM noch über eine DRG möglich sei. Leonhardt: „Es fehlt im System jeglicher finanzieller Anreiz zur Kosteneinsparung.“
Dr. Hindricks wies auf die steigenden Implantationszahlen und die damit verbundenen hohen Kosten in der Nachsorge hin. Jährlich erhalten in Deutschland ca. 95.000 Patienten einen Herzschrittmacher, ICD oder ein Herzinsuffizienz-Therapiesystem für die kardiale Resynchronisationstherapie (CRT). Mit Home Monitoring kann die Therapie für diese Patienten noch weiter optimiert, die Sicherheit der Patienten erhöht und ihr persönliches Sicherheitsgefühl gesteigert werden. Mittels einer im Implantat eingebauten Antenne und moderner Mobilfunktechnik können Ärzte an jedem Ort der Welt die Herzdaten ihrer Patienten kontrollieren und gegebenenfalls Maßnahmen einleiten. „Das führt zu einem reduzierten Nachsorgeaufwand und damit zu Kosteneinsparungen bis mindestens 25 %“, so Hindricks. Konkrete Daten soll eine derzeit laufende Studie ergeben. Sein Fazit: „Die neue Home-Monitoring-Technologie bietet das Potential, Behandlungssicherheit, Patientenkomfort und Ökonomie sinnvoll zu verbinden.“
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