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Gemeinsamer Bundesausschuss
MedInform-Veranstaltung zur Technologiebewertung: HTA-Berichte gewinnen an Bedeutung / Qualiätsinstitut soll für Beschleunigung der Prozesse sorgen
22.10.2004 - 64/04
BVMed-Geschäftsführer Joachim M. Schmitt verdeutlichte, dass Technologiebewertung aus Sicht der Industrie richtig und wichtig ist. „Was wir benötigen, sind eindeutige, aber auch sachgerechte Vorgaben, was man wie bewerten will. Und wir brauchen Transparenz, keine Diskussionen hinter verschlossenen Türen.“
PD Dr. med. Matthias Perleth vom AOK-Bundesverband führte in den Stand der Technologiebewertung ein. HTA habe sich in Deutschland seit dem Beginn im Jahr 1995 überraschend schnell etabliert und „hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Entscheidungsfindung im Gesundheitssystem“. Die Fragestellung lautet heute: Welchen Nutzen bringt ein medizintechnisches Verfahren dem Patienten und dem System? Gründe für die Notwendigkeit von HTA seien u. a. lückenhafte Wirksamkeitsnachweise, das Missverhältnis von Ressourceneinsatz und Resultat und Indikationsausweitungen ohne Evaluation. In Deutschland sei die HTA-Einführung mit der Hoffnung verbunden, Geld einzusparen. Seit 1997 wurden eigene methodische Standards entwickelt. Seit 2001 ist HTA auch beim DIMDI angesiedelt. Bislang sind 47 Berichte erschienen, die im Internet unter www.dimdi.de/de/hta/index.htm abgerufen werden können.
HTA-Akteure in Deutschland seien der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), der Medizinische Dienst der Krankenkassen mit seinen rund 2.000 Ärzten sowie das DIMDI (DAHTA). Das IQWiG befinde sich derzeit in der Gründungsphase. Grundidee sei die Trennung der IQWiG-Bewertung der
Evidenz („Assessment“) von den zu treffenden Folgeentscheidungen durch den G-BA („Appraisel“). Aufgaben des IQWiG nach §139a SGB V seien u. a. das Erstellen von Evidenz- und HTA-Berichten und Ausarbeitungen zur Qualität und Wirtschaftlichkeit. Wegen der steigenden Transparenz durch die Veröffentlichung der Berichte werde die Kooperation mit der Industrie an Bedeutung zunehmen. Perleths Fazit: „HTA hat sich als wichtiges Instrument in der Entscheidungsfindung etabliert - und wird auch international entsprechend wahrgenommen. Die Diskussion ist aber insgesamt noch zu sehr auf die Wirksamkeit und zu wenig auf Kosten-Effektivität fokussiert.“
Dr. Dominik Roters, Justitiar des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), stellte klar, dass der G-BA nicht selbst den medizinischen Nutzen einer Methode beurteile, sondern HTA als Hilfestellung sehe, um zu einer Entscheidung über die Wirksamkeit von Methoden zu kommen. Das neue Qualitätsinstitut werde dabei zu einer stärkeren Transparenz des Verfahrens führen. Der Gemeinsame Bundesausschuss verbinde mit dem IQWiG die Hoffnung, die Bewertungsprozesse zu beschleunigen. Der Bundesausschuss erarbeite derzeit eine Verfahrensordnung, die bis Ende des Jahres stehen soll. Eine große Herausforderung sei dabei das Spannungsverhältnis von unterschiedlichen Entscheidungsgremien zur „sektorenübergreifenden Bewertung“.
Dr. med. Roman Schiffner von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) thematisierte die beschränkten Kapazitäten der Selbstverwaltung zur Technologiebewertung. Hier erhofft man sich von dem neuen Qualitätsinstitut eine Unterstützung und damit auch eine Beschleunigung der Verfahren. Wichtig sei auch eine bessere Themenvorbereitung durch die Industrie. Dazu gehöre das Sponsoring „guter Studien“ nach den Kriterien der evidenzbasierten Medizin sowie die Finanzierung und Erstellung „neutraler“, von der Methodik her sauberer HTA-Berichte. Wunschvorstellung ist eine „innovationsbegleitende HTA“ vor der breiten Einführung einer Innovation, um eine Nutzenbewertung bereits vor der Diffussion vornehmen zu können. Dies erhöhe die Investitionssicherheit für die Industrie und sorge für beschleunigte Entscheidungen durch den G-BA.
Dr. med. Kraft Schmidt vom Verband der Angestellten-Krankenkassen (VdAK) schilderte den Stellenwert der HTA-Bewertung aus Sicht der Kostenträger. Beim G-BA sieht er drei Schienen zur Entscheidungsfindung: die Unterstützung durch das IQWiG, externe Sachverständige sowie eigene Recherchen im „Evidenzpool“. Die öffentliche Wahrnehmung des G-BA sei dabei bislang negativ gewesen: Er sei eine „Black Box“, er entscheide intransparent, willkürlich und zu langsam, die Methodik sei zu kompliziert und die Entscheidungen würden dem Einzelfall nicht gerecht werden. Hier gebe es durch die Gesundheitsreform eine neue, positive Richtung. Kritisch bewertete Schmidt, ob HTA vor der „Serienreife“ in der GKV stehe. Es gebe zu wenig gute Studien und noch weniger gesundheitsökonomische Studien. Deshalb müsse offen diskutiert werden, welche Methode in Deutschland etabliert werden solle.
Als „Leuchtturm in schwieriger See“ bezeichnete Dr. med. Kai Schorn von der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) die Technologiebewertung aus Sicht der Kliniken. Beeinflussende Faktoren für die zunehmende Bedeutung des HTA-Marktes seien der technische Fortschritt, der zunehmende Kostendruck bei gesetzlichen und privaten Kassen, der Wettbewerb der Leistungsanbieter sowie die Vermeidung von Fehlbehandlungen, die Schadensersatz zur Folge haben könnten. Außerdem spiele die verstärkte Nachfrage von Patienten initiiert durch Medienberichte eine Rolle. HTA stehe in Deutschland noch am Anfang der Entwicklung, habe aber zunehmende Bedeutung auch für die Kliniken - sowohl für die ökonomischen als auch medizinischen Entscheidungsträger. HTA sei hilfreich bei Vergleichen von etablierten medizinischen Verfahren. Der zukünftige Stellenwert bei innovativen Technologien sei aber ebenso wenig abschätzbar wie die zukünftigen ökonomischen Auswirkungen.
Dr. Alric Rüther, Leiter der HTA-Agentur beim Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI), stellte das datenbankgestützte Informationssystem unter www.dimdi.de (Stichwort HTA) vor. Neben deutschen Berichten werden in die Datenbank auch zunehmend englische, französische und spanische HTA-Berichte eingestellt. Alle Texte sind im Volltext und kostenfrei verfügbar. Der HTA-Prozess läuft wie folgt ab:
- Themenfindung: jeder kann Vorschläge unterbreiten;
- Prioritätensetzung auf der Grundlage der Themendatenbank: Entscheidungen durch das HTA-Kuratorium, in dem der BVMed „ständiger Gast“ ist;
- Erstellung des HTA-Berichts (externer Auftrag auf der Grundlage einer Autorendatenbank) nach den Vorgaben des HTA-Handbuchs und unter Einbeziehung eines „Reviewers“;
- Aktualisierung.
Derzeit gebe es vom DIMDI 15 bis 16 HTA-Berichte im Jahr. Die Dauer der HTA-Berichterstattung sei von über 30 Monaten im Jahr 2000 auf derzeit rund 12 Monate verkürzt worden. Auch die Kosten seien nun niedriger: Ein HTA-Bericht koste rund 30.000 bis 40.000 Euro - ohne die Eigenkosten des DIMDI.
Beispiele für die Anwendung von HTA-Berichten in der Praxis präsentierte Dr. med. Gabriela Soskuty von Johnson & Johnson. Ein Negativbeispiel sei die Endometrium-Ablation bei verstärkter und verlängerter Monatsblutung. Bei diesem Verfahren gebe es in sechs Ländern verschiedene Entscheidungen. In der Schweiz wurde 1997 positiv entschieden. Auch in den USA wird das Verfahren seit 1997 ambulant durchgeführt und vergütet. In Deutschland entschied sich der Bundesausschuss Ärzte – Krankenkassen 2000 gegen die Vergütung der Methode. Die ambulante Methode kann damit nur stationär durchgeführt werden. Jedes Land habe einen neuen HTA-Bericht angefertigt oder zumindest die verfügbare Literatur gesichtet und bewertet. Ein Austausch von Ergebnissen fand kaum statt.
Ein zweites Beispiel ist der medikament-freisetzende Koronarstent (Drug-eluting Stent = DES). Hier habe es seit 2002 einen Austausch von Informationen unter den verschiedenen HTA-Agenturen gegeben. Das DIMDI habe Ende 2003 einen enstprechenden, allerdings sehr weit gefassten HTA-Auftrag erteilt. Soskuty stellte ein neues, „neutrales“ Modell mit der Industrie als Auftraggeber vor. Die Steuerung des HTA-Berichts „Medikament-freisetzende Stents im Vergleich zu PTCA mit konventionellen Stents und Bypass-Operation“ wird von einem Gremium mit allen betroffenen Parteien (Krankenkassen, DKG, DGK, MDS) vorgenommen. Die Industrie ist in dem Gremium nur Beisitzer ohne Stimmrecht. Die anwesenden AOK- und DIMDI-Vertreter unterstützten in der Abschlussdiskussion der MedInform-Konferenz das Industriemodell, alle Entscheidungsträger zu beteiligen. Die Industrie erwartet dafür eine klare Fristenregelung zur Bewertung, um für Planungssicherheit zu sorgen. Soskutys Fazit: „Zum Wohl der Patienten und im Interesse sinnvollen medizin-technischen Fortschrittes ist eine Beteiligung aller Interessensgruppen in den Evaluierungsprozess sowie eine Harmonisierung in Europa wünschenswert.“
Hinweis an die Medien:
Digitale Bilder zur Veranstaltung können im Internet unter www.bvmed.de (Bilder - Veranstaltungen) abgerufen werden. Hochauflösende 300 dpi-Bilder können bei der BVMed-Pressestelle telefonisch (Tel. 030 – 246 255-20) oder per E-Mail (beeres@bvmed.de) bestellt werden.
Links:
Internationale HTA-Netzwerke: www.inahta.org, www.htai.org
IQWiG-Satzung: http://www.g-ba.de/pdf/Satzung-Institut.pdf
* MedInform ist der Informations- und Seminarservice des BVMed.
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