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Gemeinsamer Bundesausschuss
Dr. Meinrad Lugan: „Mehr Qualitätswettbewerb statt Billigmedizin“/Acht Punkte zur Innovationsförderung
30.05.2007 - 45/07
Der Wert von neuen Produkten und Verfahren der Medizintechnologie wird nach Lugans Ansicht meist zu kurzfristig betrachtet. „Der Einsatz von Innovationen der Medizintechnologie wird bei uns oft dadurch erschwert, dass die meist höheren Initialkosten isoliert betrachtet werden, nicht jedoch die Nutzen- und Kosteneffekte über den Gesamtverlauf einer Behandlung oder Krankheit. Wir werben deshalb für eine Gesamtbetrachtung von Behandlungsprozessen”, so Lugan. Kürzere Liegezeiten, schnellere Heilungsprozesse und mehr Lebensqualität: das dürfe bei der Bewertung von Innovationen nicht zu kurz kommen.
Faktoren für eine stärkere Qualitätsorientierung
Der BVMed-Vorsitzende nannte u. a. folgende wichtige Aspekte zur Qualitätssicherung bei der Versorgung mit Medizinprodukten im ambulanten wie stationären Bereich:
- Qualitätsanforderungen in der Hilfsmittelversorgung definieren: Im Hilfsmittelbereich setzt der Gesetzgeber mit der Gesundheitsreform auf einen verstärkten Preis- und Qualitätswettbewerb. Um dies konsequent umzusetzen und einem reinen Preiswettbewerb entgegenzuwirken, muss der Versorgungs- bzw. Dienstleistungsaspekt in den Verträgen bei Ausschreibungen oder Festbeträgen verstärkt in den Vordergrund gerückt werden.
- Eine Voraussetzung hierfür ist die Schaffung und Etablierung von bundeseinheitlichen Qualitätsstandards im Hilfsmittelverzeichnis, wie vom Gesetzgeber gefordert. Der BVMed engagiert sich dafür, in Zusammenarbeit mit den Spitzenverbänden der Krankenkassen, dem Medizinischen Dienst und dem Qualitätsverbund Hilfsmittel (QVH) Qualitätsstandards unter anderem für den Stoma-, Inkontinenz- und Tracheostomabereich sowie für den Bereich Hilfsmittel gegen Dekubitus zu entwickeln.
- Qualität in der klinischen Versorgung messbar machen: Innerhalb einer Klinik-Fallpauschale (DRG) sind für einen Indikationsbereich unterschiedliche Prozeduren und Technologien zusammengefasst. Das Krankenhaus entscheidet über den Einsatz von Medizinprodukten aus betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten. Dies hat die Folge, dass die Hersteller die aufwendigen, aber auch behandlungsspezifischen, qualitativ besseren Produkte nicht in den Krankenhäusern platzieren können.
Dieser durch das System bedingte DRG-Fehlanreiz birgt die Gefahr, dass durch den Preisdruck der Qualitätsaspekt verloren geht. Darunter leidet die Patientenversorgung. Die Qualität der Versorgung wird zu Lasten der Patienten für ein möglichst großes betriebswirtschaftliches Ergebnis der Krankenhäuser geopfert. Dieser Entwicklung gilt es entgegenzuwirken. Die Qualität der Vorsorgung darf nicht zu einem Wettbewerbsinstrument werden. Dafür muss Qualität durch gemeinsame Projekte von Krankenkassen, Klinikträgern und Industrie messbar gemacht werden, damit dann auch Qualität „eingekauft“ werden kann. - Objektive Maßstäbe bei der Technologiebewertung: Technologiebewertung ist aus Sicht der Industrie richtig und wichtig. Der Nachweis des medizinischen und ökonomischen Nutzens ist eine Herausforderung für die Unternehmen. HTA-Verfahren können dabei positiv und unterstützend sein, um Innovationen der Medizintechnologie voranzubringen. Die Unternehmen der Medizintechnologie benötigen dafür aber sachgerechte Vorgaben, was man im Rahmen der Bewertungsverfahren wie bewerten will. Dann wird es auch gelingen, die Verfahren des Gemeinsamen Bundesausschusses zügiger abzuschließen.
- Förderung von Registern: Ein weiteres Instrument, um die Versorgungssituation transparenter zu machen, sind Register. So hat der BVMed beispielsweise die Einführung eines Registers für die „Periphere Gefäßmedizin“ unterstützt. Das Registerprojekt steht unter der Leitung von Prof. Dr. Karl-Ludwig Schulte von der KEH-Klinik in Berlin. Ziel des interdisziplinären Registers ist es, relevante Daten zur Verfügung zu stellen, um die Entwicklung von Standards und Leitlinien voranzutreiben. Zudem werden Lebensqualitätsparameter und gesundheitsökonomische Analysen ermöglicht, um damit die Patientenversorgung langfristig zu verbessern.
Innovationsmanagement und –finanzierung verbessern
Die schnellere Einführung von Innovationen der Medizintechnologie hat in den meisten Fällen ökonomische Vorteile: Neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden führen zu einer Reduzierung von Fehlzeiten, verkürzen die Genesungszeiten der Patienten und ermöglichen es ihnen daher, schneller wieder am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und an den Arbeitsplatz zurückzukehren. Dies stellt auch einen Gewinn für die Volkswirtschaft insgesamt dar.
Was ist konkret zu tun? Wie können Innovationen schneller eingeführt und evaluiert werden? Wie kann Deutschlands Leitmarktfunktion in der Medizintechnik erhalten und langfristig ausgebaut werden? Der BVMed stellt folgende acht Punkte vor:
- Viele Innovationen finden zuerst im Krankenhaus ihre Anwendung. Medizintechnologische Innovationen im Krankenhaus werden zu Lasten der Gesetzlichen Krankenversicherung vergütet, solange keine negative Entscheidung des G-BA vorliegt. An diesem Prinzip der „Erlaubnis mit Verbotsvorbehalt“ muss im stationären Sektor festgehalten werden, um innovative Medizintechnologien in Deutschland allen Patienten, die sie benötigen, ohne Zeitverzögerung zur Verfügung zu stellen.
- Wir brauchen eine neue Gesundheitswirtschaft mit mehr wettbewerblichen Elementen, Wahlfreiheiten und mehr Eigenverantwortung der Versicherten. Unsere Vision ist eine neue Gesundheitswirtschaft, in der sich jeder individuell und frei seinen Krankenversicherungsschutz „einkaufen“ kann. Das beinhaltet eine entsprechende Basisversorgung sowie frei wählbare Zusatzleistungen - mit Präventions- und Selbstbehalttarifen, mit oder ohne freie Arztwahl, Wahloptionen in speziellen Gesundheitsbereichen etc. Das bedeutet mehr Eigenverantwortung. Das wäre ein System mit vielen wettbewerblichen Elementen. Und sicherlich auch mit günstigen Auswirkungen auf den Standort Deutschland.
- Die Mitwirkungsmöglichkeiten der MedTech-Unternehmen an den Prozessen des Gemeinsamen Bundesausschusses müssen verbessert werden. In einem ersten Schritt schlägt der BVMed eine fallbezogene Nennung eines medizinischen Experten vor.
- Die Einführung von Innovationen in das System darf nicht durch zu restriktive Vorgaben für die Vorlage von Evidenz behindert werden. Randomisierte kontrollierte klinische Studien sind zwar auch für Medizinprodukte der Goldstandard, jedoch nicht in jedem Fall ethisch oder sinnvoll. Auch niedrigere Evidenzstufen können wichtige Informationen zum Beweis des realen Nutzens einer Technologie in der breiten Anwendung liefern. Die geforderte Evidenzstufe muss an die zu prüfende Technologie und die betroffene Erkrankung angepasst werden.
- Wir benötigen den Willen, Innovationen in das deutsche Gesundheitssystem einzuführen und Prozesse für ihren zügigen Zugang zu etablieren. Dafür schlagen wir die Gründung einer ressortübergreifenden „Task Force Medizintechnologie“ vor. Eine wichtige Aufgabe wäre es, zu prüfen, wie eine Erprobung innovativer Medizintechnik im Heimatmarkt finanziell und durch intelligente Pilotzulassungen unterstützt werden kann. Denkbar wäre beispielsweise, den Krankenkassen das Anbieten von Zusatztarifen zu gestatten, mit denen sie ihren Versicherten besonders innovative Leistungen anbieten können.
- Wir brauchen eine stärkere Abstimmung der Innovationsförderung, um Deutschland als Leitmarkt für die Medizintechnik zu erhalten. Denn die Medizintechnik zeichnet sich durch Integration zahlreicher Basistechnologien aus. Entsprechend spielt die Medizintechnik in vielen Förderprogrammen des Bundesforschungsministeriums eine wichtige Rolle. Durch Einbeziehung des Wirtschafts- und Gesundheitsministeriums kann die Förderung des Innovationsprozesses weiter verbessert werden.
- Zu einem optimierten Forschungsmanagement gehört auch die Vernetzung der Unternehmen und Anwender mit der wissenschaftlichen Forschung insbesondere auf den Gebieten der
Bio-, Mikro- und Nanotechnologie. Wir plädieren für regionale Cluster mit medizintechnologischen Firmen, Forschungs- und Bildungseinrichtungen, Herstellern von wichtigen Vorprodukten bis hin zur Software sowie Anbietern von Risikokapital. - Wir brauchen mehr Versorgungsforschung. Die Grundlagen- und fachübergreifende Forschung, mit der die Kranken- und Gesundheitsversorgung und ihre Rahmenbedingungen kausal erklärt und weiterentwickelt werden, muss künftig einen größeren Stellenwert im Gesundheitswesen bekommen. Aus Sicht der Industrie- und Handelsunternehmen wird mehr Versorgungsforschung benötigt, um die Gesamtkosten einer Therapie darstellen und so die individuellen Vorteile für Patienten und die Volkswirtschaft langfristig aufzeigen zu können. Wir brauchen auf diesem noch neuen Gebiet bessere Allianzen mit stärkerer Praxisorientierung. Rationalität und Machbarkeit müssen bei der Erstellung des Datenmaterials von Industrie, Anwendern und den entsprechenden gesundheitspolitischen Institutionen ausgewogen festgelegt werden. Insbesondere mit den Krankenkassen müssen solche Vereinbarungen im Konsens getroffen werden.
Hinweis an die Medien:
Druckfähiges digitales Bild von Dr. Meinrad Lugan unter:
http://www.bvmed.de/stepone/data/images/9c/76/00/lugan.jpg
BVMed-Infografiken zum MedTech-Markt unter:
http://www.bvmed.de/bilderpool/infografiken/
BVMed-MedTech-Bilderpool unter:
http://www.bvmed.de/bilderpool/Produkte/
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