Reden und Vorträge

Statement von Volker Wagner, Stellvertretender Vorsitzender des Vorstandes des BVMed, zur MEDICA-Eröffnungs-Pressekonferenz am 15. November 2001 in Düsseldorf

"Innovative Medizintechnologien müssen im deutschen Gesundheitssystem stärker gefördert und beachtet werden"

Es gilt das gesprochene Wort.

1. Der Weltmarkt für Medizintechnologien

Die Medizinprodukte- und Medizintechnologiebranche ist ein weltweiter Wachstumsmarkt. Folgende wachstumsorientierten Faktoren tragen dazu bei, dass dies auch in Zukunft so bleiben wird:

  1. Der medizinisch-technische Fortschritt. Beispielsweise im Bereich der Implantate hat die Industrie Medizinprodukte und Medizintechnologien entwickelt, die es vor 10 oder 20 Jahren überhaupt noch nicht gab.
  2. Die demographische Entwicklung ist ein zusätzlicher, nicht unerheblicher Faktor.
  3. Der Gesundheitsbegriff ist in Richtung mehr Lebensqualität erweitert worden.

Das bedeutet: Die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen wird weiter steigen.

Der Weltmarkt für Medizintechnologien beträgt rund 170 Mrd. Euro. Deutschland ist nach den USA und Japan der drittgrößte Markt der Welt im Bereich der Medizinprodukte.

Das durchschnittliche Wachstum des Weltmarktes für Medizinprodukte beträgt
7 %. Dies entspricht auch dem Marktwachstum in den USA.

2. Moderates Wachstum in Deutschland

Das Wachstum des Marktes für Medizinprodukte und Medizintechnologien fällt in Deutschland sowohl im weltweiten wie im europäischen Bereich geringer aus. Dies ist nicht zuletzt auf die restriktive Budgetierungspolitik und den gestiegenen Druck auf die Preise durch die anhaltende Finanzkrise der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zurückzuführen.

Einige Angaben zum Markt für Medizinprodukte in Deutschland:

Die Medizinprodukteindustrie ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Die Hersteller von Medizinprodukten beschäftigen in Deutschland über 110.000 Menschen. Nach Schätzungen des Bundesverbandes Medizintechnologie (BVMed) beträgt der Gesamt-Inlandsmarkt 28 Mrd. DM.

  • Für die - nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums - rund 1.200 Unternehmen der Medizinprodukteindustrie ist der Krankenhaussektor der wichtigste Markt. Über 16 Mrd. DM entfallen in den deutschen Krankenhäusern auf den medizinischen Bedarf, wobei die Arzneimittel eine geringere Rolle (rund 3 Mrd. DM) spielen. Damit entfallen im Krankenhausbereich rund 13 Mrd. DM auf Medizinprodukte.
  • Hinzu kommen rund 11 Mrd. DM für Medizinprodukte im niedergelassenen Bereich sowie
  • rund 3 Mrd. DM für medizintechnische Investitionsgüter.

Oftmals wird die große Bedeutung der Medizinprodukte für die Gesundheit der Bevölkerung nicht ausreichend gewürdigt. Daraus leiten sich Fehlentwicklungen ab, die wir in Zukunft vermeiden müssen.

Wir fordern alle Entscheidungsträger im Gesundheitswesen auf, die große Bedeutung von Medizinprodukten und Medizintechnologien anzuerkennen und bei anstehenden Weichenstellungen hinreichend zu berücksichtigen. Erste Schritte sind bereits getan. Dass die Medizinprodukteindustrie jetzt u.a. auch am "Runden Tisch" sitzt, spiegelt das Verständnis wider, dass der Bereich der Medizintechnologie eine eigenständige Industriebranche ist. Das ist wichtig.

Zum Umsatzwachstum der BVMed-Mitgliedsunternehmen im Bereich der Gebrauchs- und Verbrauchsgüter:

Das Wachstum des gemeldeten Umsatzes der rund 180 BVMed-Mitgliedsunternehmen lag im ersten Halbjahr 2001 bei 6,3 % gegenüber dem ersten Halbjahr 2000.

Das Inlandswachstum lag bei den medizinischen Gebrauchs- und Verbrauchsgütern bei 5,4 % und war damit deutlich schwächer als das Exportwachstum, das bei 10,1 % lag.

Trotz dieser positiven Umsatzzahlen hat sich die Ertragslage aufgrund der Kostensteigerungen, insbesondere auch bei der Rohstoffpreisentwicklung, weitaus weniger erfreulich entwickelt.


3. Innovative Medizintechnologien sorgen für eine verbesserte Patientenversorgung und Wirtschaftlichkeit

Die Medizinprodukteindustrie ist eine sehr innovative Branche. Mehr als 50 Prozent der Produkte sind weniger als drei Jahre alt.

Oftmals wird in der öffentlichen Diskussion unterstellt, dass neue, innovative Verfahren und Therapien gleichbedeutend sind mit steigenden Kosten. Dies ist eine einseitige und in vielen Fällen unrichtige Sichtweise. Zunächst einmal haben innovative Medizintechnologien dazu beigetragen, die Lebenserwartung und die Lebensqualität von Millionen von Patienten in Deutschland zu erhöhen.

Darüber hinaus leiten Fortschritte in der Medizintechnologie durchaus auch eine neue Gesundheitsökonomie mit verbesserter Qualität der Gesundheitsversorgung und niedrigeren Ausgaben ein. Viele Innovationen, beispielsweise die minimalinvasive Chirurgie, führen zu einer Verringerung der Liegezeiten im Krankenhaus und damit zu einer wirtschaftlicheren Versorgung der Patienten bei gleichzeitiger Qualitätsverbesserung.

Durch Fortschritte in der Medizintechnologie können wir Krankheiten früher feststellen, wenn es einfacher und schneller geht, sie zu behandeln. So können oft Folgekosten vermieden werden.

Wir können effektivere und weniger invasive Behandlungs- und Operationsmethoden zur Verfügung stellen, die Genesungszeiten reduzieren und den Patienten ermöglichen, viel schneller wieder arbeiten zu können. Wir müssen die Krankheitskosten als Ganzes sehen. Dann treten auch die Einsparpotentiale durch innovative Medizintechnologien in den Vordergrund.

Einige Beispiele für die Wirtschaftlichkeit innovativer Medizintechnologien:

  • Durch den konsequenten Einsatz von modernen, feuchten Wundversorgungsmethoden könnten nach Ansicht von Experten Ausgaben von bis zu 2 Mrd. DM gegenüber der herkömmlichen trockenen Wundbehandlung eingespart werden. Mehr als 2 Millionen Menschen in Deutschland sind von dem Krankheitsbild chronischer Wunden betroffen. Daraus resultieren Kosten für die Volkswirtschaft von rund 4 Mrd. DM jährlich. Moderne Wundversorgungsprodukte führen zu einer Beschleunigung des Wundheilungsprozesses, zu einer Verringerung der Schmerzen beim Verbandwechsel, zu einer Verringerung der Wundinfektionen sowie zu einer geringeren Zahl an Verbandwechsel im Versorgungszeitraum. Die Verwendung moderner Wundversorgungsprodukte führt trotz höherer Materialstückkosten mit Blick auf den gesamten Therapiefall zu deutlich geringeren Gesamtkosten für die Solidargemeinschaft.
  • Durch die Krankenkassen wird Patienten mit schwersten chronischen Schmerzen eine notwendige Behandlung mit Medikamentenpumpen und Rückenmarkstimulationssystemen als langfristig kostengünstigere Behandlungsmöglichkeiten vorenthalten. Eine Beispielrechnung für Kosteneinsparungen: Nach einer Untersuchung der Universität Freiburg sind die ärztlichen Behandlungskosten von 40 Schmerzpatienten mit implantierter Medikamentenpumpe über einen Zeitraum von vier Jahren pro Patient um 81 Prozent, die Arzneikosten sogar um 86 Prozent gesunken. Insgesamt konnten die Ärzte jährlich über 13.000 Mark pro Patient an Behandlungskosten einsparen. Die Kosteneinsparung für alle 40 Patienten betrug im Zeitraum von vier Jahren nach der Implantation 2,2 Millionen DM.
  • Bei der Behandlung von Herzkrankheiten haben wir in den letzten beiden Jahrzehnten eine dramatische Reduzierung der Sterblichkeit in Verbindung mit einer Zunahme der Produktivität im Gesundheitswesen erlebt. Die Sterblichkeit bei Herzkrankheiten ist in den letzten beiden Jahrzehnten um 40 % gefallen. Gleichzeitig hat die Aufenthaltsdauer im Krankenhaus stark abgenommen, die Behandlungszeiten sind viel kürzer und die Rekonvaleszenzzeiten sind erheblich zurückgegangen.
  • Angioplastische und andere minimalinvasive Herzoperationen haben die Notwendigkeit risikoreicher, teurerer Bypassoperationen reduziert. Ein Angioplastie-Operation kostet rund ein Drittel des Preises für eine Operation am offenen Herzen. Chirurgen können eine Angioplastie-Operation in 90 Minuten durchführen, während eine Bypass-Operation am offenen Herzen zwei bis vier Stunden dauert. Die Patienten können das Krankenhaus nach einem anstatt nach fünf bis sechs Tagen verlassen. Die Genesung dauert nur eine Woche anstatt vier bis sechs Wochen bei einer Bypass-Operation.
  • Fortschritte bei Medizintechnologien spielen eine wesentliche Rolle beim Rückgang von Invalidität und damit zur Vermeidung von Pflegekosten. Ein Beispiel, das von Marktforschern zitiert wird, ist die Behandlung von Katarakten. Als Ergebnis neuer Technologien wie z. B. faltbare Intraokularlinsen können jetzt mehr Menschen mit Katarakten effektiver behandelt werden, bei weniger Komplikationen und niedrigeren Kosten. Kataraktpatienten verbrachten früher einen ganzen Tag ruhiggestellt im Krankenhaus und mehrere Tage zur Erholung zu Hause. Heutzutage kann dies ambulant behandelt werden. Als Ergebnis sind die Gesundheitsausgaben pro Patient deutlich gefallen.


4. Innovationsbremsen beseitigen

Deutschland braucht innovationsfreundliche Rahmenbedingungen, damit neue Behandlungsmethoden und Produkte entwickelt werden können. Innovationen in der Medizintechnologie müssen stärker gefördert und schneller in die Leistungskataloge der Krankenkassen aufgenommen werden.

Ziel muss es sein, medizintechnische Innovationen allen Patienten, die sie benötigen, ohne Verzögerung zur Verfügung zu stellen.

Dieses notwendige innovationsfreundliche Klima haben wir heute in Deutschland nicht. Die einnahmenorientierte Ausgabenpolitik ist der größte Bremsklotz. Budgetierungen sind innovationshemmend und bergen die Gefahr der Rationierung.

Im System selbst sind weitere Innovationsbremsen eingebaut. Drei seien kurz genannt:

  1. Große Sorge bereitet der Industrie beim Thema Sponsoring im Gesundheitswesen das restriktive Vorgehen der Staatsanwälte bei der notwendigen und politisch gewünschten Zusammenarbeit von Industrie, Krankenhäusern und Ärzten. Dies hat bereits zu einem Rückzug der Industrie aus der Drittmittelförderung und der Unterstützung von Fortbildungsveranstaltungen geführt.
    • Das schadet dem Forschungsstandort Deutschland insgesamt. Das Gesundheitswesen ist auf die Zuwendungen der Industrie angewiesen. Teilweise 30 bis 40 % des Forschungsetats einer Universität stammen aus Drittmitteln der Industrie. Die medizinische und medizintechnische Forschung läuft Gefahr, zusammenzubrechen, wenn die Drittmittel nicht mehr eingeworben werden können.
    • Das Problem ist die Abgrenzung des zulässigen Sponsoring zu unzulässiger Korruption im Einzelfall. Hier ist der Gesetzgeber gefordert, eine klarere Linie als bislang zu ziehen.
  2. Im Krankenhausbereich wird ab dem Jahr 2004 bzw. – nach entsprechenden Übergangszeiten – ab 2007 ein Fallpauschalensystem zur Abrechnung der Krankenhausleistungen eingeführt. Die Frage ist: Wie können Innovationen heute und in den nächsten Jahren ausreichend Berücksichtigung finden, also in der Zwischenzeit, bis zur Scharfschaltung des Fallpauschalensystems. Auf diese Frage haben wir noch keine befriedigende Antwort erhalten. Auch hier brauchen wir mehr Klarheit.
  3. Eine Innovationsbremse sind auch die Technologiebewertungsverfahren nach dem bisher praktizierten Muster. Es geht um das Thema HTA – Health Technology Assessment.

  • Technologiebewertung ist aus Sicht der Industrie richtig und wichtig. Was wir benötigen sind eindeutige, aber auch sachgerechte Vorgaben, was man wie bewerten will. Wir brauchen Transparenz, keine Diskussion hinter verschlossenen Türen. Bei den Beratungen der existierenden Bundesausschüsse "Ärzte – Krankenkassen" und "Krankenhaus" fordert die Medizinprodukteindustrie
    1. eine Antragsmöglichkeit,
    2. eine Mitwirkungsmöglichkeit und
    3. eine Einspruchsmöglichkeit.
    Wir brauchen eine viel engere Zusammenarbeit von Politik, Leistungserbringern, Kostenträgern, Wissenschaft und Wirtschaft. Die vorhandenen Lücken im Dialog und in der Kooperation müssen dringend geschlossen werden.


5. Gesundheitsreform: Der Handlungsdruck wächst

Der Handlungsdruck zur Erneuerung, Verbesserung und Zukunftssicherung des deutschen Gesundheitssystems wächst. Es besteht weitgehend Konsens darin, dass der medizinisch und medizinisch-technische Fortschritt mit den endlichen Mitteln eines solidarischen Finanzierungssystems heutiger Art künftig nicht leistbar ist.

Hauptziel der Weiterentwicklung des Gesundheitswesens in Deutschland muss es sein, auch in Zukunft eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Ernste Krankheitsrisiken sollen auch künftig wirksam und solidarisch abgesichert werden. Alle Beteiligten im Gesundheitswesen müssen sich zusammentun, um ein modernes Gesundheitssystem zu schaffen,

  • das Anreize für die optimale Behandlung schafft,
  • den Einsatz innovativer, effizienter Medizintechnologien ohne Verzögerungen zulässt und
  • einen bestmöglichen Einsatz der existierenden Informationstechnologien für Patienten, Anwender sowie alle übrigen Gesundheitspartner gewährleistet.

Der BVMed zählt zu wichtigen Bausteinen einer Weiterentwicklung des Gesundheitssystems u. a.:

  1. Die bisherige einnahmenorientierte Ausgabenpolitik ist nicht geeignet, die medizinisch notwendige und ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit Medizinprodukten in Zukunft zu gewährleisten. Wir benötigen daher neue strukturpolitische Rahmenbedingungen, die sich am medizinischen Bedarf der Bevölkerung orientieren.
  2. Wir müssen bereit sein, über optionale Finanzierungsmodelle in der Gesetzlichen Krankenversicherung nicht nur nachzudenken, sondern sie auch einzuführen. Dabei muss die Eigenverantwortung der Patienten stärker eingebunden werden.
  3. "Rationalisierung" ist für die Industrie ein Dauerthema. Ineffizienzen müssen beseitigt werden. Das gilt auch für das Gesundheitssystem. Dies setzt aber auch voraus, dass geeignete Instrumentarien bereitgestellt werden müssen, um Ineffizienzen, soweit sie existieren und identifizierbar sind, zu beseitigen. Zu diesen Instrumentarien gehört als Grundvoraussetzung mehr Transparenz und Wettbewerb im System beispielsweise durch Benchmarking.
  4. Die Diskussion über Gesundheitsziele muss vorangetrieben werden. Die medizinische Versorgung muss ausreichend, bedarfsgerecht, human, aber auch wirtschaftlich sein. So steht es im Sozialgesetzbuch V. In diesem Ziel sind sich auch alle Beteiligten im Gesundheitswesen einig. Aber was heißt ausreichend? Was bedeutet wirtschaftlich? Solche Ziele sind nicht messbar. Die Aufgabe aller Beteiligten im Gesundheitswesen muss es sein, messbare Zielvorgaben zu erarbeiten, um die Erreichung der Ziele überprüfen zu können. Dies wird eine der großen künftigen Herausforderungen sein.

Fazit

Innovative Medizinprodukte und Medizintechnologien sind unverzichtbar für eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung der Bevölkerung: Sie können Leben retten und erhalten, den Ausbruch oder die Verschlimmerung von Krankheiten verhindern sowie die Lebensqualität erheblich verbessern.

Zusätzlich zu diesem Patientennutzen können innovative Medizintechnologien durch eine wirtschaftlichere Versorgung der Patienten dazu beitragen, die Mittel im Gesundheitswesen effizient und zielgerichtet einzusetzen, was gleichzeitig auch Produktivitätssteigerungen bedeutet.

Es ist an der Zeit, unsere Gesundheitssysteme zu reformieren, damit neue Technologien, die für das Leben der Patienten und die finanzielle Gesundheit des Systems viel bedeuten, schneller zum Patienten kommen. Eine verbesserte Gesundheitspolitik heißt: der Einsatz innovativer Medizintechnologien, die zu leistungsfähigen und gleichzeitig schonenden Verfahren führen.


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