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Patientengeschichten
Karl-Heinz Gerhardt

66 Jahre
verheiratet, zwei Kinder
Gymnasiallehrer für Latein und Griechisch a. D.
Krankheitsbild: Parkinsonsche Krankheit
Mit ca. einer viertel Million Betroffenen handelt es sich um eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen in Deutschland. Sie tritt meist zwischen dem 50. und 65. Lebensjahr auf. Die Parkinsonsche Krankheit ist eine langsam fortschreitende Erkrankung des Gehirns und beruht auf dem Untergang bestimmter im Mittelhirn befindlichen dopaminhaltigen Nervenzellgruppen (Substantia nigra). Zu den Hauptsymptomen gehören das Zittern an Händen oder Füßen (Tremor), die durch erhöhte Muskelanspannung bedingte vornübergebeugte Haltung (Rigor) und die langsamen stockenden Bewegungen (Bradykinese/Akinese). Die Krankheit ist zur Zeit nicht heilbar. Sämtliche Therapieverfahren werden mit dem Ziel eingesetzt, die Symptome wirksam zu lindern.
Patientengeschichte:
Als aktiver Sportler trainierte Herr Gerhardt Nachwuchsmannschaften und spielte seit dem 16. Lebensjahr Violine. 1986 erkrankte Herr Gerhardt an Morbus Parkinson, dennoch war er bis zu seiner Pensionierung 1999 weiterhin als Lehrer tätig. Zittern der Finger, leise Stimme, müder Gang und Neigung zu stark depressiven Stimmungen waren die Symptome dieser Erkrankung. Nach Medikation mit Narcom verschwanden zunächst all diese Symptome und eine volle Belastung war Herrn Gerhardt wieder möglich.
1987 traten alte und hinzukommende Symptome auf: Starthemmung und Kleinschrittigkeit. Die Medikation milderte die Beschwerden, glich sie aber nicht mehr aus. Jede Bewegung kostete Mühe und die Depression hatte dramatisch zugenommen. Durch den Fall der Mauer 1990 erhielt Herr Gerhardt Zugriff auf ein neuartiges Medikament. Die Symptome verschwanden erneut. Körperhaltung und Stimmungslage normalisierten sich. Seit 1991 litt Herr Gerhardt unter seinen unwillkürlichen Körperbewegungen, im Laufe der nächsten Jahre unter der zunehmenden Verschlechterung, die im Wechsel von absoluter Steifheit zu Überbewegungen ohne Übergang bestand. Ab 1997 war eine Linderung durch Medikamente gar nicht mehr möglich.
Herr Gerhardt unterstrich gegenüber Ärzten seinen Wunsch, Neurostimulatoren („Hirnschrittmacher“: Die übererregten Kerngebiete des Gehirns werden auf diesem Wege durch zwei Elektroden elektrisch blockiert. Dadurch wird das Zittern gelindert sowie die Beweglichkeit normalisiert.) implantiert zu bekommen. Nach anfänglichem Zögern der Ärzte wurde er 1997 für operationsfähig befunden, da die Krankheit noch nicht zu weit fortgeschritten war und sein allgemeiner Gesundheitszustand als gut beurteilt wurde. Seit der Operation lebt Herr Gerhardt sogar phasenweise beschwerdefrei. Nur vor Stress muss er sich schützen, weil sonst die Symptome zunehmen.
„Mit dem Hirnschrittmacher kann ich wieder spazierengehen und ein Vibrato auf der Violine spielen.“
Interview im Rahmen des Kunstprojekts "Künstler treffen Patienten":
Wie sind Sie zum Kunstprojekt gekommen?
Karl-Heinz Gerhardt: Auf Bitten einer meiner Ärzte, der wusste, dass ich mich für die Propagierung von Kenntnissen über meine Krankheit interessiere, um Verständnis und Toleranz zu fördern. Mir liegt daran, Parkinsonpatienten zu einer Implantation von Hirnstimulatoren zu ermutigen und die Kassen für eine Finanzierung einer solchen Operation zu bewegen.
Wie haben Sie das erste Mal Notiz von Ihrer Parkinson-Erkrankung genommen?
Karl-Heinz Gerhardt: Ich merkte, dass ich die Schreibmaschinentasten nicht mehr richtig runterdrücken konnte. Während des Violinspiels registrierte ich, das ich kein Vibrato (freies Schwingen der Hand) mehr zustande brachte. Ein Orthopäde, dem ich daraufhin meine zitternde Hand zeigte, schickte mich zu einem Neurologen.
Beschreiben Sie bitte Ihre Erfahrung mit Medizinprodukten...
Karl-Heinz Gerhardt: Der Entschluss zur Operation war richtig. Nach Jahren der Angst vor den Anforderungen des Lebens, vor ständig wechselnden körperlichen Befindlichkeiten und Stimmungen, nur mit Mühe zu Entschlüssen und Handlungen fähig, nach ständig wachsender und unvermeidbarer Ausgrenzung aus sozialen Gefügen, hatte ich plötzlich wieder das Gefühl, ein ganz normaler Mensch zu sein, als Persönlichkeit entscheiden und tun zu können, was mir richtig schien. Ich konnte wieder Gemeinsamkeit herstellen durch unbefangenes Gespräch und Gedankenaustausch, konnte mit meinen Gesichtszügen, mit meinen Bewegungen, mit dynamisch anpassbarer Stimme meine Gedanken, meine Gefühle, meine Stimmungen anderen deutlich machen. Ich konnte mit Argumenten und Anregungen wieder meinungsbildend wirken. Ich konnte ein Café betreten, ohne durch Fehlbewegungen aufzufallen, konnte meine Bestellung aufgeben, das Eis vor mir genießen und dabei noch meinen Begleitern gemeinsame Zufriedenheit mit dem Erreichten ausdrücken und mich wohlfühlen in dem unbeschwerten Erleben des schönen Tages.
Die Stimulatoren empfinde ich heute als technische Hilfsmittel, wie einen Herzschrittmacher oder Ähnliches. Man kann und muss sich durchaus auf das Gerät einstellen, denn die Stimulation kann sich nicht allen Belastungen (körperliche Arbeit, Spaziergänge und Stress) anpassen. Ein wenig hilft da das Steuergerät. Ansonsten führe ich ein normales Leben, wie früher. Das Vertrauen in diese Technik wächst. Es bleiben eine gewisse Stressanfälligkeit und leichte Startschwierigkeiten. Ich kann wieder normal essen, spazieren gehen, das Kino besuchen, Konzerte genießen, im Garten arbeiten, reisen und schreiben.
Sie haben mit Ihrer Erkrankung noch 14 Jahre weiter als Lehrer gearbeitet. Wie war das möglich?
Karl-Heinz Gerhardt: Weil ich als Lehrer akzeptiert und geschätzt wurde. Das konnte in diesem Beruf kein Gnadenakt der Schüler gewesen sein. Es muss das Gefühl gegeben haben, aus dieser Quelle Wertvolles schöpfen zu können. Das musste die Beobachtungen ungewohnter Phänomene an den Rand gedrängt haben oder unwesentlich haben erscheinen lassen, solange nur die Sprache einwandfrei funktionierte.
Wie geht es Ihnen heute?
Karl-Heinz Gerhardt: Ich spüre zwar die Krankheit noch täglich, die Steifheit ist nicht völlig beseitigt, sie tritt jedoch in viel milderer Form auf. Mein gesamtes Befinden ist meistens völlig ungetrübt und wie das eines Gesunden. Überbewegungen habe ich nicht mehr. Mein Gang, meine Körperhaltung und die Sprache sind besser als vor der Operation in den so genannten guten Phasen meiner Krankheit. Mimik, Gestik und meine Teilnahme an Gesprächen sind lockerer und ausdruckvoller geworden, wie mir andere versichern. Mein Allgemeinbefinden ist unvergleichlich besser. In manchen Momenten muss ich jedoch feststellen, dass meine Bewegungen anderen auffallen und sie mir zum Teil ängstlich aus dem Wege gehen.
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