Glossar und Wörterbuch

Medizintechnologien in Deutschland

Stand: Dezember 2010

Wachstumsmarkt Gesundheitswirtschaft

Die Gesundheitswirtschaft ist eine der Branchen mit dem größten Wachstumspotenzial und hohen Beschäftigungsmöglichkeiten für qualifizierte Fachkräfte – und daneben ein sogar in Krisen erstaunlich stabiler Exportfaktor!

Die Gesundheitswirtschaft ist mit derzeit 5,4 Millionen Beschäftigten der größte Arbeitgeber Deutschlands. Damit ist fast jeder siebte Arbeitsplatz in Deutschland in der Gesundheitswirtschaft angesiedelt. Seit dem Jahr 2000 ist das Personal im Gesundheitswesen um insgesamt 500.000 Beschäftigte (über 12 Prozent) gestiegen. Nach einer Prognose einer Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums aus dem Jahr 2010 werden bis zum Jahr 2030 weitere zwei Millionen Menschen mehr in der Gesundheitswirtschaft beschäftigt sein.

Im Jahre 2008 wurden insgesamt 263,2 Milliarden Euro für Gesundheit ausgegeben. Das ist ein Anteil von 10,5 Prozent am Bruttoinlandsprodukt. Der Gesundheitssektor ist damit bedeutender als beispielsweise die Automobilindustrie (Quelle: Gesundheitsausgabenbericht 2008 des Statistischen Bundesamtes von April 2010). Die Gesundheitsausgaben stiegen gegenüber dem Vorjahr um 9,9 Milliarden Euro oder 3,9 Prozent. Das Gutachten für das Bundeswirtschaftsministerium im Jahr 2010 kommt zum Ergebnis, dass unter den richtigen Rahmenbedingungen der Anteil der Gesundheitswirtschaft am Bruttoinlandsprodukt bis 2030 auf fast 13 Prozent wachsen kann.

Größter Ausgabenträger im Gesundheitswesen war die gesetzliche Krankenversicherung. Ihre Ausgaben stiegen im Jahr 2008 um 6,1 Milliarden Euro (plus 4,2 Prozent) auf 151,5 Milliarden Euro. Damit trug die gesetzliche Krankenversicherung 57,5 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben. Die Ausgaben der privaten Krankenversicherung erhöhten sich um 1,4 Milliarden auf 24,9 Milliarden Euro (plus 6,2 Prozent). Damit entfielen im Jahr 2008 gut 9,5 Prozent der Gesundheitsausgaben auf dieses Versicherungssystem.

Tatsächlich sind die Auswirkungen der Gesundheitsbranchen auf die deutsche Volkswirtschaft noch größer als lange angenommen. Das zeigte eine Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums (TU Berlin, Roland Berger, BASYS-Institut) im November 2009 auf: Demnach erzielte die Gesundheitswirtschaft im Jahr 2005 einen Anteil von 10,1 Prozent der deutschen Bruttowertschöpfung, wovon 7,8 Prozent auf den Kernbereich der Gesundheitswirtschaft entfielen. Nimmt man den ersten und zweiten Gesundheitsmarkt zusammen, so arbeiten in diesem Bereich in Deutschland 5,4 Millionen Menschen. Bis 2020 könnte die Zahl der Beschäftigten auf 7 Millionen steigen, so die Studie.


Medizintechnologien in Deutschland

Als besonders innovativ, wachstumsstark und zukunftsträchtig gilt in Deutschland die Medizintechnik-Branche.

Medizinprodukte umfassen eine große Bandbreite von medizintechnischen Produkten und Verfahren, die Leben retten, heilen helfen und die Lebensqualität der Menschen verbessern. Beispiele sind Geräte für Diagnostik, Chirurgie, Intensivmedizin, Implantate, Sterilisation sowie Verbandmittel, Hilfsmittel oder OP-Material. Zu Medizinprodukten gehören nach dem Medizinproduktegesetz (MPG) darüber hinaus auch Labordiagnostika.

Die Welt der Medizintechnologien ist faszinierend. Kardiologische Implantate bringen schwache Herzen wieder in Rhythmus. Die Endoprothetik bringt kranke Gelenke zum schmerzfreien Bewegen. Künstliche Linsen und die refraktive Chirurgie bringen kranke Augen zum Sehen. Moderne Implantate und Geräte bringen taube Ohren zum Hören. Neue MedTech-Verfahren und -Produkte verbessern die Lebensqualität, ja sie retten und erhalten oftmals Leben.

Medizinprodukte leisten nicht nur einen wichtigen Beitrag für eine effiziente Gesundheitsversorgung, sie sind auch ein bedeutender Wirtschafts- und Arbeitsmarktfaktor. Die Unternehmen der Medizintechnologie tragen damit zu einer positiven Entwicklung der Gesundheitswirtschaft in Deutschland bei.

Moderne Medizintechnologien sind damit von dreifachem Nutzen:
1. für den Patienten, indem sie Gesundheit wiederherstellen und die Lebensqualität verbessern;
2. für den Beitragszahler, indem Sie Prozesse verbessern und effizienter gestalten;
3. für den Arbeitsmarkt, weil wir die Exportfähigkeit steigern und Arbeitsplätze schaffen.

Menschen vertrauen Medizintechnik

Das Meinungsforschungsinstitut Forsa befragte im Sommer 2010 tausend Bundesbürger über ihre Einstellung zu gesundheitlichen Themen. Ein Ergebnis ist, dass die Bürger der modernen Medizintechnik vertrauen. Dreiviertel der Deutschen glauben, dass die Medizintechnik eine entscheidende Rolle dabei hat, ihnen ein längeres Leben zu ermöglichen. In keinem anderen Lebensbereich wird der Einzug von Technik stärker begrüßt als in der Medizin: Mehr als 90 Prozent der Deutschen schätzen die Entwicklungen bei Vorsorge, Diagnose und Behandlung als positiv ein
(Quelle: http://tiny.cc/b1z0w, Forsa-Umfrage im Auftrag von Philips, August 2010).

Arbeitsplätze

Die Medizintechnikindustrie beschäftigt in knapp 1.250 Betrieben (mit mehr als 20 Beschäftigten pro Betrieb) 98.900 Menschen. Hinzu kommen annähernd 10.000 Kleinunternehmen mit rund 75.000 Beschäftigten. Die Kernbranche beschäftigt damit insgesamt in Deutschland über 170.000 Menschen in über 11.000 Unternehmen. Weitere 29.000 Mitarbeiter sind im Einzelhandel für medizinische und orthopädische Güter tätig.

15 Prozent der Beschäftigten sind im Bereich Forschung und Entwicklung (FuE) tätig – Tendenz steigend.

Abgesehen von wenigen großen Unternehmen ist die Branche stark mittelständisch geprägt. 95 Prozent der Betriebe beschäftigen weniger als 250 Mitarbeiter.

Produktion und Export

Der Gesamtumsatz der produzierenden Medizintechnikunternehmen ging in Deutschland im Jahr 2009 aufgrund der Wirtschaftskrise um 4,3 Prozent auf 18,3 Milliarden Euro zurück. Das Minus resultierte dabei maßgeblich aus einem Rückgang beim Exportgeschäft um neun Prozent auf einen Wert von 11,4 Milliarden Euro. Der Inlandsumsatz lag mit knapp 6,9 Milliarden Euro um 4,5 Prozent über dem Vorjahresergebnis.

Beim Export liegt Deutschland mit einem Welthandelsanteil von 14,6 Prozent nach den USA (30,9 Prozent) aber deutlich vor Japan (5,5 Prozent) weltweit an der zweiten Stelle (Quelle: BMBF-Studie Medizintechnik).

Wichtigste Zielregion der deutschen Medizintechnikexporte 2009 war die Europäische Union, auf die knapp 43 Prozent der branchenrelevanten Ausfuhren entfielen. Zusammen mit den Exporten in das restliche Europa (11,3 Prozent) wurde damit mehr als die Hälfte aller Ausfuhren medizintechnischer Güter ins europäische Ausland ausgeführt. Auf die Region Nordamerika entfielen 20 Prozent der Exporte. Der Ausfuhranteil Asiens lag bei 15,4 Prozent (Quelle: Statistisches Bundesamt, Spectaris, November 2010).

Ausgaben für Medizinprodukte in Deutschland

Die Gesundheitsausgaben im Bereich der Medizinprodukte (ohne Investitionsgüter und Zahnersatz) betrugen in Deutschland im Jahr 2008 insgesamt rund 25 Milliarden Euro (Quelle: Gesundheitsausgabenbericht 2008 des Statistischen Bundesamtes vom April 2010). Davon entfallen auf Hilfsmittel (alle Ausgabenträger) knapp 12,8 Milliarden Euro und auf den sonstigen medizinischen Bedarf 11 Milliarden Euro. Hinzu kommen rund 1 Milliarde Euro für den Verbandmittelbereich, der unter Arzneimitteln erfasst ist. Der Ausgabenanteil der Gesetzlichen Krankenversicherung an den Ausgaben für Medizinprodukte liegt bei rund 16,5 Milliarden Euro.

Wachstumsmarkt Medizintechnologien

Die Medizintechnologiebranche ist ein weltweiter Wachstumsmarkt. Der medizintechnische Fortschritt, die demographische Entwicklung mit immer mehr älteren Menschen und der erweiterte Gesundheitsbegriff werden dafür sorgen, dass dies auch so bleibt. Der Bedarf an Gesundheitsleistungen wird weiter steigen. Patienten sind immer mehr bereit, in ihre Gesundheit zu investieren.

Der Weltmarkt für Medizintechnologien betrug 2007 rund 220 Mrd. Euro (Schätzungen AdvaMed/EUCOMED). Laut einer Untersuchung der europäischen Beratungsgruppe kon.m wurden im Jahr 2008 medizinische Geräte und Instrumente mit einem Welthandelsvolumen von über 280 Milliarden US-Dollar produziert und abgesetzt. Nordamerika hat dabei einen Weltmarktanteil von rund 41 Prozent, Nordwesteuropa 25,2 Prozent, Asien/Ozeanien 18 Prozent, Südosteuropa 14,4 Prozent, Lateinamerika 1 Prozent und Afrika 0,6 Prozent. Der europäische Markt ist mit 70 Mrd. Euro nach den USA mit 90 Mrd. Euro der zweitgrößte Markt der Welt. Deutschland ist mit 23 Mrd. Euro als Einzelmarkt nach den USA und Japan (25 Mrd. Euro) weltweit der drittgrößte Markt und mit Abstand der größte Markt Europas. Er ist rund doppelt so groß wie Frankreich und rund drei Mal so groß wie Italien oder Großbritannien.

Überdurchschnittliche Innovationskraft

Die Medizintechnologie ist eine dynamische und hoch innovative Branche. Bei Patenten und Welthandelsanteil liegt Deutschland auf Platz 2 hinter den USA. Rund ein Drittel ihres Umsatzes erzielen die deutschen Medizintechnikhersteller mit Produkten, die höchstens drei Jahre alt sind. Durchschnittlich investieren die forschenden MedTech-Unternehmen rund neun Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Der Innovations- und Forschungsstandort Deutschland spielt damit für die MedTech-Unternehmen eine besonders wichtige Rolle.

Zum Vergleich: Der Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung am Umsatz beträgt in der äußerst innovativen Chemieindustrie 5 Prozent, in der Verarbeitenden Industrie insgesamt 3,8 Prozent (FAZ vom 26.4.2005, S. 13). Nach Aussage der Medizintechnik-Studie vom BMBF ist der Forschungs- und Entwicklungsanteil am Produktionswert in der Medizintechnik mehr als doppelt so hoch wie bei Industriewaren insgesamt (BMBF-Pressetext vom 29.4.2005, Nr. 099/2005).

Ein weiterer Beleg für die Innovationskraft der Branche: Nach Angaben des Europäischen Patentamtes in München führt die Medizintechnik die Liste der angemeldeten Erfindungen mit 16.400 Patenten an (Stand: 2009). Das sind 10,2 Prozent aller Patentanmeldungen. Danach folgen erst die elektronische Nachrichtentechnik und die EDV.

Von besonderer Bedeutung für die Unternehmen ist der strukturierte Umgang mit den Ideen der Anwender, der Ärzte und Schwestern bzw. Pfleger, für neue Produkte und Verfahren der Medizintechnologie. Denn bei 52 Prozent der Medizinprodukte kommen die Ideen für das neue Produkt ursprünglich von Anwendern.

Marktbedingungen – Vor- und Nachteile

Deutschland hat in den zukunftsträchtigen Innovationsfeldern der Medizintechnologie durch die große Zahl gut ausgebildeter Ärzte, Forscher und Ingenieure und durch den hohen Standard der klinischen Forschung beste Voraussetzungen, neue Produkte und Verfahren zur Marktreife zu führen. Wir haben durch die Universitätskliniken und die zahlreichen Kompetenzzentren in der Medizintechnik ein großes Wissen.

Die Vorteile Deutschlands liegen auch in den kürzeren Zulassungszeiten und in der sehr guten und kostengünstigeren klinischen Forschung. In Deutschland kostet es durchschnittlich rund 8 bis 10 Millionen Euro, eine neue Idee zur Marktreife zu bringen. In den USA sind diese Kosten mit rund 80 Millionen Dollar wesentlich höher.

Weitere Standortvorteile: Deutschland ist der größte Binnenmarkt für Medizinprodukte in Europa. Der Standort verfügt über eine gute Infrastruktur, eine zentrale Lage mit relativ kurzen Wegen zu den wichtigsten europäischen Märkten, einer guten Verkehrsanbindung und einer hohen Versorgungssicherheit. Wichtig sind auch die Nähe zu den führenden Maschinen- und Packmittelherstellern, die hohen Qualitätsstandards, der hohe technische Standard und gutes Know-how sowie eine hohe Lieferzuverlässigkeit.

Erhebliche Defizite bestehen in Deutschland allerdings bei der Einführung von Innovationen in die Vergütungssysteme, sodass sie dann auch zeitnah beim Patienten ankommen. Die Nachteile des Standorts Deutschland lassen sich wie folgt zusammenfassen: Eine starke Ökonomisierung des Gesundheitsmarktes, überzogene Anforderungen an die Erstattung, eine nicht funktionierende Innovationsklausel im stationären Bereich, eine verzögerte Innovationseinführung in die Vergütungssysteme, ein weniger dynamisches Wachstum im Vergleich zum Weltmarkt und eine stark eingeschränkte Planungssicherheit. Weitere Nachteile sind die relativ hohe Unternehmenssteuer, wesentlich höhere Energiekosten, relativ hohe Sozialkosten sowie ein hoher Urlaubs- und Freizeitanspruch. 

Wirtschaftliche Lage der MedTech-Branche

Eine Branchenbefragung des BVMed vom Herbst 2010, an der sich 139 Mitgliedsunternehmen beteiligt haben, zeigt:

1. Die wirtschaftliche Entwicklung der Branche ist insgesamt gut. Über 80 Prozent der befragten MedTech-Unternehmen rechnen in diesem Jahr mit einem besseren Umsatzergebnis als 2009. Das Umsatzwachstum liegt gegenüber dem Krisenjahr 2009 bei rund 5,5 Prozent gegenüber 3 Prozent im Vorjahr. Die Gewinnsituation ist dagegen durch die stark gestiegenen Rohstoffpreise und höhere Außenstände geschmälert.

2. Bei Betrachtung der Arbeitsmarktentwicklung bleibt die Medizintechnik-Branche ein Jobmotor. Die Hälfte der befragten Unternehmen hat gegenüber dem Vorjahr neue Arbeitsplätze geschaffen. 96 Prozent der Unternehmen haben offene Stellen.

3. Bei den gesundheitspolitischen Forderungen steht das Thema „Entbürokratisierung und Beschleunigung der Entscheidungswege“ im Vordergrund.

Die Ergebnisse der Herbstumfrage 2010 im Einzelnen:

Umsatzergebnis

> Über 80 Prozent der befragten MedTech-Unternehmen rechnen in diesem Jahr mit einem besseren Umsatzergebnis als 2009. Das ist ein deutlich positiverer Wert als bei der Herbstumfrage 2009 (52 Prozent). Die Verunsicherung durch die Wirtschafts- und Finanzkrise ist damit einer zunehmenden Zuversicht gewichen. Lediglich 8 Prozent der Unternehmen rechnen mit einem schwächeren Ergebnis.

> Aus den Umsatzangaben ergibt sich ein Wachstum gegenüber dem Krisenjahr 2009 von rund 5,5 Prozent. Im vergangenen Jahr hatte das Umsatzwachstum nur bei rund 3 Prozent gelegen.

Gewinnsituation

> Auf der anderen Seite sind aber auch die Kosten der Medizinproduktehersteller in den vergangenen Monaten erheblich gestiegen – vor allem verursacht durch stark gestiegene Rohstoffpreise. In den vergangenen 12 Monaten sind die Rohstoffpreise vor allem für Zellstoffe, Baumwolle, Vliesstoffe und medizinische Granulate für Kunststoffe zwischen 30 und 65 Prozent gestiegen. Die Rohstoffverteuerung betrifft eine breite Palette von Medizinprodukten: von Inkontinenzprodukten bis Kunststoffeinmalprodukte.

> Außerdem geraten die Unternehmen zunehmend durch Außenstände in einigen europäischen EU-Mitgliedsstaaten unter Druck. Die „Late payment“-Problematik mit offenen Rechnungen über Monate oder sogar Jahre hinweg hat sich in einigen europäischen Ländern weiter verschärft. Die Problematik mit gestiegenen Außenständen betrifft nach Angaben der Unternehmen teilweise auch inländische, insbesondere regionale Dienstleister.

> Die Gewinnsituation ist damit insgesamt angespannter. Nur 39 Prozent erwarten in diesem Jahr ein besseres Gewinnergebnis als 2009. 26 Prozent erwarten sogar zurückgehende Gewinne.

> Der Ausblick der Unternehmen auf das Jahr 2011 fällt vorsichtig optimistischer aus. 48 Prozent erwarten ein besseres Gewinnergebnis als in diesem Jahr. Nur 17 Prozent erwarten zurückgehende Gewinne.

Arbeitsplätze

> Bei Betrachtung der Arbeitsmarktentwicklung bleibt die Medizintechnik-Branche ein Jobmotor. 48 Prozent der befragten Unternehmen haben gegenüber dem Vorjahr neue Arbeitsplätze geschaffen. Bei 30 Prozent blieb die Beschäftigtenzahl stabil. Allerdings haben auch 19 Prozent der Unternehmen gegenüber dem Vorjahr Personal abgebaut. Hochgerechnet auf die BVMed-Mitgliedsunternehmen haben die Verbandsmitglieder insgesamt rund 4.000 neue Arbeitsplätze gegenüber dem Vorjahr geschaffen.

Auswirkungen der Finanzkrise

> Befragt nach den konkreten Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise nennen die Unternehmen vor allem den stärkeren Preisdruck (70 Prozent), die gestiegenen Rohstoffpreise (41 Prozent), eine generell angespanntere Finanzlage (28 Prozent) sowie höhere Außenstände (27 Prozent).

> Konkrete Maßnahmen wie einen Einstellungsstopp haben 17 Prozent der Unternehmen eingeleitet. Immerhin 11 Prozent der Unternehmen geben an, keinerlei Auswirkungen der Krise gespürt zu haben.

Gesundheitspolitische Forderungen

> Bei den gesundheitspolitischen Forderungen steht das Thema „Entbürokratisierung und Beschleunigung der Entscheidungswege“ im Vordergrund. 60 Prozent der Unternehmen nennen diesen Aspekt als die wichtigste Forderung. Das geht vor allem in Richtung des Gemeinsamen Bundesausschusses. Ein Viertel der Unternehmen spricht sich daher für eine Reform der Selbstverwaltungsorgane aus.

> Weitere Forderungen der Unternehmen betreffen die Wahlfreiheit der Versicherten bei ihrem Hilfsmittel-Leistungserbringer (37 Prozent), die Einführung von Mehrkostenregelungen(36 Prozent) oder die Möglichkeit von Kostenerstattung im Einzelfall (33 Prozent).

Standort Deutschland

> Insgesamt wird dem Standort Deutschland von den Unternehmen der Medizintechnologie ein gutes Zeugnis ausgestellt. 60 Prozent sehen ein hohes Versorgungsniveau der Patienten. Als große Stärken werden gut ausgebildete Ärzte (57 Prozent), ein hoher Standard der klinischen Forschung (48 Prozent), gut ausgebildete Ingenieure (39 Prozent) und gut ausgebildete Wissenschaftler (34 Prozent) genannt.

> Schwächen sehen die Unternehmen im Erstattungsbereich. Nur ein Viertel bezeichnet die Rahmenbedingungen für die Erstattung von Medizinprodukten als stabil. Nur 23 Prozent der Unternehmen sind zufrieden mit dem Erstattungsniveau in Deutschland. 


MedTech-Arbeitsmarkt: Glänzende Aussichten, aber Fachkräftemangel

Die Berufsaussichten in der Medizintechnologie-Branche sind für Ingenieure und Medizintechniker, aber auch für Marketingspezialisten im Allgemeinen ausgezeichnet.
96 Prozent der Unternehmen haben derzeit offene Stellen. Es gibt allerdings zunehmend Probleme, diese adäquat zu besetzen. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Umfrage des BVMed bei seinen Mitgliedsunternehmen. Bedrohlich für den Innovationsstandort Deutschland ist, dass insbesondere im Bereich Forschung und Entwicklung der Nachwuchs fehlt.

In einer aktuellen Online-Umfrage des BVMed, an der sich 94 Unternehmen aus der Medizinprodukteindustrie beteiligten, gaben 94 Prozent an, die Berufsaussichten für Ingenieure seien gut bis sehr gut. Bei Fachkräften lag der Wert sogar bei 98 Prozent. Offene Stellen gibt es vor allem im Vertrieb (66 der 94 Unternehmen), in Marketing und Kommunikation (35), Key Account Management (27) und Forschung & Entwicklung (24). Nur 4 Prozent der Unternehmen gaben an, derzeit keine offenen Stellen zu haben.

91 Prozent der Unternehmen haben allerdings zunehmend Probleme, offene Stellen zu besetzen. Das betrifft vor allem den Vertrieb, aber auch das Key Account Management und die Forschung. Defizite in der Schulausbildung sehen die MedTech-Unternehmen vor allem bei den Fremdsprachen sowie im Bereich Mathematik/Physik.

Knapp zwei Drittel der Unternehmen sind der Ansicht, dass eine Modernisierung der Qualifizierung im medizinisch-technischen Bereich dringend erforderlich ist, um mit dem Innovationstempo der MedTech-Branche Schritt halten zu können. Die medizintechnische Ausbildung müsse interdisziplinärer werden und die Bereiche Medizintechnik, IT und Krankenhausprozesse umfassen (79 Prozent Zustimmung). Eine größere Rolle sollten zudem betriebswirtschaftliche Kenntnisse und Vermarktungsstrategien spielen.

Die Medizintechnologie steht in Deutschland für über 170.000 Arbeitsplätze und bietet Schulabgängern und Absolventen beste Chancen in einer attraktiven Branche. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Gesundheitswirtschaft erst kürzlich als einen ‚Leuchtturm‘ in der Wirtschaftskrise bezeichnet. Umso bedenklicher ist der sich abzeichnende Fachkräftemangel – er gefährdet die Innovationskraft der Exportnation Deutschland.

Gründe für den Fachkräftemangel sind der demographische Wandel, aber auch eine mitunter mangelhafte Ausbildungsreife der Schulabgänger. Ausgerechnet dem Bereich Forschung fehlt der Nachwuchs – dem Innovationsstandort Deutschland droht damit das wertvollste Kapital auszugehen. Beispiel Ingenieure: Derzeit gibt es in Deutschland rund 650.000 Ingenieure. Davon gehen rund 370.000 in den nächsten 15 Jahren in den Ruhestand. Nachfolgen werden nach Schätzungen allerdings nur rund 150.000 Ingenieure (Stand Oktober 2010). Das zeigt den großen Handlungsbedarf auf.

Die Politik kann helfen, indem sie mehr in allgemeinbildende Schulen investiert. Auch sollten Unternehmen, die ihren Auszubildenden Nachhilfeunterricht in elementaren Fächern wie Mathematik oder Fremdsprachen anbieten, steuerliche Förderungen erhalten. Die Qualifizierung im medizinisch-technischen Bereich muss zudem modernisiert und interdisziplinärer ausgerichtet werden, um mit dem Innovationstempo der MedTech-Branche Schritt zu halten. 


Forderungen an die Politik:
Das Potenzial der Medizintechnologien als Wachstumsmotor nutzen

Die Gesundheitswirtschaft und insbesondere die Medizintechnik-Branche haben in den letzten zwölf Monaten starke Beachtung durch die Politik gefunden. Die Politik hat erkannt, dass die Unternehmen der Medizintechnologie einen bedeutenden Beitrag zur Innovationsfähigkeit und Effizienzsteigerung des deutschen Gesundheitssystems leisten.

> Das Bundesgesundheitsministerium veranstaltete im April 2010 den Zukunftskongress Gesundheitswirtschaft in Berlin. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Gesundheitsminister Philipp Rösler haben dabei den großen Wert der mittelständischen und innovationsstarken Medizintechnik-Branche für die Zukunft und für die Wirtschaftsstärke betont. Das Stichwort lautete „Hidden Champions“.

> Am 4. Oktober 2010 fand eine weitere Konferenz zur Gesundheitswirtschaft im Bundeswirtschaftsministerium statt. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle betonte dabei die Bedeutung der Medizintechnik für Innovationskraft und Arbeitsplätze.

> Am 28. Oktober 2010 fand das Innovationsforum Medizintechnik unter Federführung des Bundesforschungsministeriums und mit Beteiligung des BVMed statt.

Die Gesundheitswirtschaft wird von der Bundeskanzlerin als „Leuchtturm“ bezeichnet. Die Unternehmen der Medizintechnologie erwarten, dass den Worten der Politik auch Taten folgen.

Für 2011 erwarten wir klare Perspektiven für medizintechnische Innovationen. Die Rahmenbedingungen am Innovationsstandort Deutschland für die Entwicklung und Vermarktung moderner Medizintechnologien müssen angesichts des sich verschärfenden Wettbewerbs in einer globalisierten Welt kontinuierlich analysiert und – wenn erforderlich – weiter angepasst werden.

1. Eine Verbesserungsmöglichkeit ist aus Sicht des BVMed die Einführung eines Innovationspools, der eine unabhängige Nutzenbewertung ermöglicht. Auch die Krankenkassen fordern einen solchen Pool. Denkbar wären beispielsweise drei Prozent der GKV-Ausgaben. Dies ließe sich mit den angestrebten Forschungsausgaben Deutschlands von drei Prozent begründen. Die Einbeziehung weiterer Mittel, beispielsweise der Forschungsförderung, ist ebenfalls in Erwägung zu ziehen.

2. Der Gemeinsame Bundesausschuss sollte im 2011 geplanten „Versorgungsgesetz“ in seiner Organisation weiterentwickelt werden in Richtung mehr Transparenz und verbesserter Mitwirkungsrechte der Betroffenen und Beteiligten. Als wesentlicher Beteiligter im Gesundheitssystem muss die MedTech-Branche in die Prozesse aktiv eingebunden werden. Höhere Akzeptanz für die G-BA-Entscheidungen können auch durch klarere Rahmenbedingungen wie Antragsverfahren, Fristen, nachvollziehbare Entscheidungsprozesse, Rechtswege und Strukturen erzielt werden.

3. Zur Diskussion um die Nutzenbewertung: Das IQWiG bewertet als Dienstleister des G-BA derzeit nur den Patientennutzen. Darüber hinaus muss geklärt werden, welche Institutionen neben dem Patientennutzen auch den Nutzen für den Anwender und den Systemnutzen bewerten. Nur bei Berücksichtigung all dieser verschiedenen Nutzenarten kann eine korrekte Entscheidung des G-BA erfolgen, welche MedTech-Innovationen medizinischer und ökonomischer Fortschritt sind.Wichtig ist aus Sicht der Unternehmen der Medizintechnologie, dass die Anforderungen an die Nutzenbewertung von Medizintechnologien gemeinsam erarbeitet und festgelegt werden. Dabei sind Fragen zu klären, welche Daten wann erhoben, veröffentlicht und berücksichtigt werden sollen.

4. Eine wichtige Kernforderung der Unternehmen der Medizintechnologie bleibt die Beibehaltung des Prinzips „Erlaubnis mit Verbotsvorbehalt“ im Krankenhausbereich und bei strukturell gleichen Voraussetzungen die Ausdehnung dieses innovationsfreundlichen Prinzips auf den ambulanten Bereich. Außerdem müssen die Verfahren für neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden (NUB) entbürokratisiert und beschleunigt und die Vereinbarung von Entgelten verbindlich gemacht werden.

Mit diesen Punkten würden wir klare Perspektiven geben: für Ideen für Innovationen, für medizintechnischen und ökonomischen Fortschritt und für die Einführung von neuen Produkten und Verfahren.

Für die Unternehmen der Gesundheitswirtschaft ist ein starker Heimatmarkt wichtig. Hierzu gehört eine Gesetzliche Krankenversicherung mit funktionierendem Wettbewerb und einer schnellen Einführung von medizinischen Innovationen. Wir benötigen eine gemeinsame strategische Ausrichtung von Industrie, Wissenschaft und Politik auf Innovationen in der Medizintechnik. Wirtschafts-, Forschungs- und Gesundheitsministerium müssen sich stärker koordinieren und Perspektiven für Innovationen geben.